Nieselregen

Er machte einen letzten Zug an seiner Zigarette, warf sie auf den Boden und trat kurz mit dem Fuß drauf, dann fuhr er sich mit der Hand durch die honigbrauenen Haare und ging in das große, beige Gebäude.
Ich hörte mich selbst seufzen und wand meinen Blick weg von der Tür, die so eben hinter ihm zugefallen war.

Du brauchst ihn nicht mehr.

Unschlüssig schaute ich zwischen dem Gebäude und der Bushaltestelle hin und her, in zwei Minuten würde ein Bus kommen, ich könnte einfach einsteigen und fahren, es würde eh niemand bemerken. Noch einmal blickte ich zur der großen, rostbraunen Tür und entschied mich dann für den Weg zur
Bushaltestelle.

Du willst ihn nicht mehr.

Der Bus kam und ich setzte mich in die letzte Reihe, ganz hinten ans Fenster, laute Musik aus meinem MP3-Player dröhnte in meinen Ohren und eine gequälte Stimme schrie sich allen Schmerz aus dem Leib.
Ich schaute aus dem Fenster, raus in die Welt.
Der Himmel war grau und die ganze Welt schien trist und wie von einer gewaltigen Depression gepackt.
Irgendwann nahm ich meine Umwelt gar nicht mehr wahr. Ich starrte nur noch nach draußen und dachte nach - über ihn.
Ich dachte an seine grünen Augen und an seine schönen Hände. Dann dachte ich an unseren ersten Kuss, es war erst ein paar Wochen her.
Er hatte mit meinen dunklen Ponysträhnen gespielt und dann seine Hand über meine Wange gleiten lassen, wir haben uns lange angesehen und dann hat er mich einfach geküsst.
Wie ich da so saß, mit Welt vergessenem Blick, erinnerte ich mich selbst mit so einer Heftigkeit an ihn, dass ich verzweifelt die Augen schloss und mich voll und ganz auf die Musik konzentrierte.

I miss you more
I miss you even more
As I’m telling my story again

Ich zog mein PLO-Tuch fester um meinen Hals und setzte die Kapuze meiner schwarzen Jacke auf, als ich aus dem Bus stieg und in einen schlierigen Nieselregen trat. Schon nach wenigen Minuten war mein Gesicht von einem kalten Regen hauch benetzt, ich dachte an den Nachmittag vor etwas mehr als einer Woche. Seit diesem Nachmittag hatte sich ein dichter Neben über mich, über die Stadt und ja vielleicht sogar über die ganze Welt gelegt.
Schon da hatte es geregnet, genauso ein leichter Nieselregen wie eben der jetzige, einer der in alle Ecken kroch. Da kam er auf mich zu und als ich ihn küssen wollte hatte er mich nur traurig angeschaut. Er schaute mir mit deinem leicht verwirrten Blick in die Augen, sie sahen so verzweifelt aus.
Nervös hat er an seiner Zigarette gezogen, dann hat er mir gesagt, dass er nicht wüsstest wie es weiter gehen soll.
Ich wusste nicht was er damit meinte, denn bis jetzt war alles so schön gewesen, die Küsse, er und ich.
Ich habe nichts gesagt, ihn nur fragend angeschaut, er hat mir gesagt ich soll ihn nicht so anschauen, es wäre alles schon kompliziert genug.
Nachdem er sich die nächste Zigarette angezündet hattest, blies er den Rauch raus in die Welt und schaute mir wieder zweifelt ins Gesicht.
Diese Stille machte mich wahnsinnig, ich trat nervös von einem Beim aufs andere und suchte in seinem Blick eine Antwort, doch ich fand keine. Seine Augen waren unergründlich, wie immer.
„Es tut mir Leid, aber ich weiß einfach nicht, was ich für dich fühle…“
Der Satz hämmerte in meinem Kopf. Mein Mund war trocken und meine Zunge fühlte sich betäubt an, ich wusste nichts, was ich darauf sagen konnte.
Nach ein paar weiteren stillen Minuten, hat er deine Zigarette weggeschmissen und mich stehen lassen, alleine in dem Nieselregen, er hat sich nicht umgesehen und nichts weiter gesagt.

And the world is going down, without a sound…

Stumme und heiße Tränen liefen meine Wangern herab, als mir diesere Erinnerungen kamen.
Ich biss mir auf die Unterlippe um ein Schluchzen zu unterdrücken, doch die Tränen liefen weiter. Sie rannten langsam und dick und nahmen jedes Mal eine kleine Menge von der dicken Kajal Schicht mit, die meine Augen zierte.
Ziellos lief ich solange weinend durch den Regen, bis alle Tränen vertrocknet waren und ich mich ausgelaugt und müde fühlte, meine Jacke war durchnässt und mein Gesicht schwarz verschmiert.
Der Himmel war dunkel geworden und mir wurde immer kälter, schließlich stand ich vor seiner Haustür.
Ich stand da und starrte auf das schräge Dachfenster, es war kein Licht zu sehen, wohl möglich, dass er nicht zuhause war, trotzdem bewegte ich mich nicht von der Stelle.
Doch dann hörte ich ein leises Geräusch hinter mir, ich drehte mich langsam um und sah ihn nur einen Meter von mir entfernt.
Seine Haare hingen nass in sein Gesicht, seine Augen sahen ungewohnt dunkel grün aus und waren leicht rötlich unterlaufen.

Du willst ihn nicht mehr!

Mein Magen zog sich unangenehm zusammen und wieder standen Tränen in meinen Augen.

They call me a liar, but I always tell the truth…

Blind von den Tränen, die ich verzweifelt versuchte nicht laufen zu lassen ging ich ein paar Schritte auf ihn zu, ich schluckte und schloss meine Augen, wieder spürte ich die Hitze der Tränen auf meinen Wangen. Ich hob den Kopf ein wenige und schaute ihn an, ich blickte so sehnsüchtig in deine Augen, dass es mir fast zerriss, aber ich wollte nicht den letzten Schritt machen.
Für einen Bruchteil einer Sekunde standen wir noch einen Papierhauch von einander entfernt, dann schlossen sich seine Arme um mich und ich drückte mich an seinen Oberkörper.
Wie in einem Rausch nahm ich alles in mir auf, den starken Tabak Geruch, das Klopfen seines Herzens und vor allem die heißen Tränen die in an meinem Hals fühlte, als er seinen Kopf tief in meine Halsgrube schmiegtest.
Endlich.
Wir standen einfach nur da Arm in Arm und jeder weinte ein paar leise Tränen, dann lösten wir uns von einander und ich versuchte zu verstehen, was das alles zu bedeuten hatte.
Er griff nach meiner Hand und streichelte sanft mit dem Daumen über meinen Handrücken. „Ich hab die vermisst.“
Ich dich auch, dachte ich, sagte es aber nicht, sondern : „Wieso sind deine Augen so rot?“
„Ich…ich hab du weißt schon, gekifft…und geweint…“
„Geweint?“
„Ja.“
„Wegen mir?“
„Ja, und wegen mir selbst.“
Ich schaute an ihm vorbei, in den grauen Himmel und ließ den kalten Regen, der immer stärker wurde auf mein Gesicht prasseln.
„Und du?“
„Wegen dir, und wegen des Regens.“
Er zog mich wieder näher an sich ran und ich fühlte die unbeschreiblich schöne Wärme, die von seinem Körper ausging.
„Warum hast du das gemacht, letzte Woche?“
Seine kalten Hände fuhren unter meine dicke Jacke und ich spürte die Kälte durch mein T-Shirt auf meiner Haut.
Ich schaute ihm wieder in die Augen, sie waren nicht nur rot, wie sie immer waren, wenn er breit gewesen war, sondern auch geschwollen.
„Du hast mir noch nicht geantwortet“
„Weil iich mir nicht sicher was, was ich für dich fühle.“
Dann küsste er mich, er drückte seine Lippen fest auf meine, so fast, dass es fast weh tat, aber er tat gut und ich wusste, dass er sich jetzt sich er war.


[ Songtextzeilen von:
- Skunks Flauvor ~ Starsplitter
- End of the Line ~ Standby
- End of the Line ~ Liar ]

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