Die letzte Zigarette

Sie kaute nervös an ihrem Fingernagel und etwas von dem frisch lackierten, roten Lack bröselte ab.
Es war nicht ihr erster Auftritt, trotzdem war sie jedes Mal aufs Neue aufgeregt.
Heute sang sie in einem altmodischen Club in Paris.
Sie warf noch einen Blick in den großen, von kugeligen Glühbirnen gerahmten Spiegel und trug eine weitere Schicht roten Lippenstift auf.
Dann stand sie auf, verließ ihre kleine Garderobe und ging mit klackenden Schritten über den hölzernen Flur zur Bühne.
Hinter dem samtenen Vorhang hörte sie die Stimme des Clubbesitzers, er kündigte sie an und das Publikum applaudierte verhalten.
Das Klavier stimmte an, sie lief elegant eine kleine Treppe runter, die sie direkt auf die Bühne führte, und stimmte in die Melodie ein.
Der Raum war von Zigarettenrauch und dem Geruch von schwerem Parfüme erfüllt und in goldenes Licht von den unzähligen Teelichtern überall getaucht.
Als sie sich an das Scheinwerferlicht gewöhnt hatte, schaute sie sich um.
Es gab fast nichts in diesem Club, das daran erinnerte, dass sie nicht in den 60ern war, sonder im Jahre 2006.
Die Leute weiter vorne im Publikum saßen an kleinen, runden Eisentische und auf kleinen, verschnörkelten Eisenstühlen. Weiter hinten standen Couchtische aus Mahagoniholz und dazu passende Bänke, die genau wie die Stühle mit dunkelrotem Samt gepolstert waren.
Während sie sang, beobachtete sie die Menschen im Raum.
Sie tranken Champagner und viele der Frauen rauchten extra lange Zigaretten.
Die Männer dagegen hatten dicke Zigarren zwischen den Fingern.
Ein Humphrey Bogart Verschnitt starte sie mit glasigen Augen an, als sie sich lasziv auf dem großen schwarzen Flügel räkelte. Sie zwinkerte ihm verführerisch zu und setzte ihre Füße wieder auf den Boden.
Dann entdeckte sie weiter hinten, an der dunklen, hölzernen Theke jemanden, der eigentlich nicht in das Bild der Frauen und Männer mittleren Alters passte. Der nicht den Männern mit ihren Zigarren und den schwarzen Anzügen glich.
Schwarze Haare hingen im ins Gesicht, immer wieder Strich er sie hinter seine rechtes Ohr, doch dort blieben sie nicht lange halten.
Er trug eine schwarze, weite Hose und ein weißes Hemd, außerdem eine Brille mit einem dünnen schwarzen Rahmen.
Sie fragte sich was er hier verloren hatte.
Als sie bemerkte, wie er nach einer Flasche Bier griff, die auf dem Tresen stand, bohrte sich die Frage in ihren Kopf, was für ein Wunder es doch war, dass es in diesem Laden überhaupt Bier gab, und nicht nur Whiskey und Champagner.
Sie stieg auf ihren kirschroten Manolos von der Bühne und ging langsam auf ihn zu, der Petticoat unter ihrem schwarzen Kleid mit den weißen Punkten schwang um ihre Knie. Als sie an ihm vorbei ging strahlte er sich mit einem breiten und Zähne zeigendem Lächeln an und sie lächelte automatisch zurück, dann zwinkerte sie ihm zu und drehte sich wieder um.
Dieses Zwinkern war anders, als sie es sonst machte, sie musste ihn einfach anschauen.
Er war vielleicht zwei oder drei Jahre älter als sie selbst und hatte strahlende Augen gehabt.
Zurück auf der Bühne setzte sie sich nun selbst an den Flügel und spielte zum Abschluss „I wanna be loved by you“, die Zuschauer klatschten. Sie stieg die kleine Treppe wieder hoch, verbeugte sich noch ein Mal und warf eine Kusshand in die Menge – das war es.

Als sie ihre Tasche geholt hatte, verabschiedete sie sich noch kurz von ein paar Leuten, die sie sehr nett empfangen und betreut hatten, dann wollte sie auf dem schnellsten Wege in ihr Hotel.
Als sie die Hintertür aufstieß schlug ihr die kalte Pariser Nachtluft ins Gesicht.
Ihr gegenüber stand jemand an die Laterne gelehnt und schaute die unentwegt an, es war der Typ mit den schwarzen Haaren.
Fast ein wenig erschrocken schaute sie sich um, der kleine Hintereingang war leer und dunkle, es war wie in einem alten Krimi.
Sie zog ihren schwarzen Mantel enger um ihren Körper.
Seine blau Augen blitzen sie an.
„Wo hin gehst du jetzt?“
Sie schaute ihn an:
„In mein Hotel.“
„Darf ich dich begleiten? Also bis dahin?“
Skeptisch schaute sie an ihm rauf und runter, er trug eine olivefarbige Jacke und lächelte wieder furchtbar lieb.
Sie nickte bloß und hackte bei ihm unter, als er ihr den Arm hinhielt.
„Schönes Kleid.“
„Danke.“
„Und schön gesungen...“
„Noch mal danke.“
Dann gingen sie schweigend die kleinen Gassen entlang bis sie zur Seine gelangten, das Wasser plätscherte leise an die Steinwände der Promenade.
„Was treibt dich in so einen Club?“, fragte sie vorsichtig.
„Du.“, antwortete er mit einer Ehrlichkeit die sie erröten ließ, „und die Tatsache, dass ich dort dreimal die Woche arbeitete.“, ergänzt er.
Sie nickte bloß.
„In welchem Hotel bist du?“
„Bellyo Saint-Germain, ich habe ein ganz wundervolles Zimmer, mit hellen Eichenholz Möbeln und dunkel roten Tapeten, die Sofas sind in einem orange und roten Blumendruck.“, erzählte sie und geriet leicht ins schwärmen, in einem so gemütlichen Hotel war sie lange nicht gewesen.
Er strich sich eine seiner langen schwarzen Ponysträhnen hinter die Ohren und blickte zur Notre Dame.
Der Wind spielte mit ihrem Petticoat der unter ihrem Mantel her vor guckte, sie genoss das Gefühl der Zweisamkeit.

Etwas traurig schaute sie neben sich auf das Bett, auf die leere Matratze neben ihr. Sie zog an ihrer Zigarette und schüttelte den Kopf: warum hatte sie ihn überhaupt mit hoch genommen? Hatte er sie, oder sie ihn gefragt?
Ganz genau wusste sie es jetzt schon nicht mehr, doch plötzlich hatten sie in ihrem Zimmert gestanden und der Portier hatte geklopft.


Sie hängte ihren Mantel auf die Garderobe und schaute zu ihm, seine schwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht, als er nach dem Telefon griff und die Servicenummer wählte.
„Einmal Champagner, kleine Toast-Ecken mit Kaviar, Schokoladenkekse, eine Schachtel ihrer teuersten Zigaretten und die Freischaltung ihres „GoldenOldies“-Kanal bitte.“ Er grinste zu ihr herüber. An seinen linken Ohr sah sie ein Piercing aufblitzen.
„Zimmer 106, Danke.“
Dann legte er auf und strich seine Haare hinter die Ohren, er ging auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Hüften.
„Wir machen es so wie in den alten französischen Filmen, ganz klassisch.“
Sie schaute ihn skeptisch an.
„Aufs Bett legen, Champagner trinken und kleine Toast-Ecken knabbern, natürlich alles eingepackt in den weißen Bademänteln des Hauses.“
Nun musste sie lachen. „Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so viel Klasse hast, nur leider muss ich dir mitteilen, dass ich keinen Kaviar mag.“
Abrupt drehte er sich um und griff wieder zum Telefon.
„Was willst du dann?“
„Ähm… was mit Pute. Und Eis bitte!“, rief sie entzückt.
„Ja, Hallo, entschuldigen sie, ich muss noch etwas zu der Bestellung für Zimmer 106 hinzufügen. Wir hätten gerne auch Toast mit Putenbrust und Eis.“
Er wartete einen Moment und sprach dann weiter: „Ja Eis mit viel Nüssen und Schokolade. Und Soße, Vanille, Schokolade und Karamell.“
Wieder legte er auf und strahlte sie an.
„Guck mal ob der Fernseher schon geht!“, schlug er vor, „Ich geh solange und suche mir einen Bademantel.“
Sie setzte sich auf die Kante des großen Bettes. Es stand an einer Wand und gegenüber befand sich ein riesiger Plasmabildschirm. Das Bett hatte einen wunderschönen dunkelroten Seidenbezug und unendlich viele kleine und große Kissen, das Kopfende war aus vielen verschnörkelten Eisenstangen.
„GoldenOldies 50er, GoldenOldies 60er, PlatinumOldies, Black-and-White-Movie-Channel…”, murmelte sie vor sich hin, bis sie an einem Film mit Marilyn Monroe hängen blieb. Manche mögen's heiß. Grade saß sie mit ihrem „Millionär“ auf der Jacht und trank ein Glas Champagner.
Was passend.
Die helle Tür zum Badezimmer öffnete sich und er trat mit einen weißen Bademantel und einer karierten Boxershorts aus ins Zimmer.
„Jetzt bist du dran.“, meinte er und warf ihr ein weißes Bündel zu. Völlig unbegründet begann sie zu kichern und verzog sich schnell ins Bad.
Dort ordnete sie ihre Haare neu, legte etwas Parfüme auf, zog ihre Lippen nach und schlüpfte aus ihrem Kleid. Als sie den Bademantel schloss sah man nur noch ein wenig schwarze Spitze ihres BHs ausblitzen.
Als sie aus dem Badezimmer trat sah sie, dass der Portier inzwischen da gewesen war. Ein großer Rollwagen, mit 2 Flaschen eisgekühltem Champagner, stand neben dem Bett. Er war außerdem voll beladen mit silbernen Platten auf denen Toast mit Kaviar oder Putenbrust und Salat gestapelt waren, einen riesengroßen Schüssel mit Amerikanischen Cookies und mehreren Bechern mit verschiedensten Sorten Eiscreme.
„Wow“, sie ließ sich neben ihm auf dem Bett nieder und schaute mit großen Augen, auf die Köstlichkeiten, dann schaute sie zu ihm, wie er mit offenem Bademantel in die Kissen gekuschelt da lag, das gedämpfte Licht tauchte ihn in einen olivefarbenen Schimmer und seinen Augen funkelten sie an.
„Noch mal wow.“, sagte sie lächelnd.
Er schaute sie einen Moment lang an lächelte einfach nur zurück, dann beugte sie sich zu ihm rüber und legte ihre Lippen auf seine, seine Hand strich über ihre Wange und über ihren Rücken, sacht ließ sie sich von ihm in die Kissen drücken.
Dann setzte er sich wieder auf und schaute etwas verlegen zur Seite.
„Wir sollten das Eis nicht warm werden lassen.“, er griff nach der Schüssel mit einem zartbitteren Inhalt und steckte sich eine Löffel voll in den Mund.
Wieder legte sie ihre Hände in seinen Nacken und zog ihn näher zu sich, sie küsste ihn.
„Schmeckt ziemlich gut das Eis.“, meinte sie, als sie sich wieder von seinen Lippen gelöst hatte und nahm sich selbst einen Löffel.
Verschmitzt grinste er sie an und schob sich ein Kaviartoast in den Mund.
„Willst du was trinken?“
„Ja, bitte.“
Die perlende Flüssigkeit schäumte in den Gläsern und prickelte im Mund.
Sie kuschelte sich weiter ins Bett und schaute zum Fernseher.
Er legte sich quer über das Bett und seinen Kopf auf ihren Bauch, immer wieder strich sie durch seine schwarzen Haare.
„Die sind gefärbt, oder?“
„Ja, sind sie.“, er lachte.
„Küsst du mich noch mal?“, fragt sie ihn leise.
Er drehte sich ein wenig und schaute ihr in die Augen.
„Vielleicht.“
Er setzte sich auf strich ihr die Haare aus der Stirn, dann malte er ihren Mund mit seinem Daumen nach, schließlich küsste er sie und sie erwiderte den Kuss erfreut.
Er schmeckte nach Champagner und Schokolade.
Und sie schmeckte nach Keksen und Karamellsoße.
Sie strich über seien Oberkörper und kuschelte sich an ihn.
„Warum muss es so schön mit dir sein?“, murmelte sie kaum verständlich irgendwo an seinem Bauch.
„Das machen die Tapeten hier.“, scherzte er und zog sie höher zu sich.
Seine Lippen wanderten über ihren Hals runter zu ihrem Schlüsselbein und dann zu der schwarzen Spitze.
Als sie irgendwann später zum Fernseher schaute, hatte Marilyn sich in Audrey Hepburn verwandelt.
Lange sagten sie nichts, fühlten nur, bis sie irgendwann nackt zwischen den decken, Bademänteln und Kissen lagen und er mit heißeres Stimme fragte: „Willst du das jetzt wirklich?“, sie antwortete mit eben so heiserer Stimme „Ja“ und schloss seine Lippen dann wieder mit einem langen Kuss.
Noch nie im Leben hatte sie sich jemandem so vertraut gefühlt.
Dann noch später in der Nacht, als alles im Hotel still war, als Paris schlief, verschmolzen sie und liebten sich heftig und leidenschaftlich.
Verschwitzt kuschelte sie sich an ihn und endlich schlief sie ein, er strich ihr noch einmal über das Haar und schüttelte plötzlich verwirrt den Kopf, dann schloss auch er die Augen.
Und dann am nächsten Morgen war sie aufgewacht mit einem Gefühl wie heiße Schokolade mit Rum doch schlagartig verwandelte sich dieses Gefühl in etwas das eher einer Blutabnahme ähnelte. Eine Blutabnahmen direkt aus dem Herz.
Sie fühle gleich das etwas fehlte, ihr war kalt und als sich sich umdrehte um sich an ihn zu schmiegen hatte sie nur ein paar Decken gefunden.
Etwas traurig schaute sie neben sich auf das Bett, auf die leere Matratze neben ihr. Sie zog an ihrer Zigarette und schüttelte den Kopf.

Und da saß sie jetzt, rauchte aus Verzweiflung die teuren französischen Zigaretten und schüttelte den Kopf über ihre Naivität.
Als sie die letzte ausgedrückt hatte und duschen gehen wollte, schaute sie noch einmal auf den Rollwagen und fast wurde ihr übel bei dem Gedanken an Schokoladeneis, da klopfte es an der Tür.
„Ja?“, sagte sie heiser und zog die Decke etwas höherer.
Ein Portier kam herein und brachte Frühstück und hinter ihm betrat er den Raum und grinste sie an.
„Ich musste kurz nach Hause und mein Portmonee holen.“
Fassungslos schaute sie ihn an.
„Ist was?“, fragte er etwas eingeschüchtert.
Sie schüttelte bloß den Kopf. Dann fragte sie:
„Sag mal, wie heißt du eigentlich?...


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