John Lennon
Oder
Wie ich erkannte, dass ich dich mag






„Sooooo let meeee iiiiin“, brüllte Arnim in sein Mikro und gab noch einmal alles, er genoss die letzten Züge eines wunderbaren Konzertes, auch wenn er schon völlig fertig war.
Noch eine letzte seiner lustigen Tanzbewegungen und das Lied war zuende.
Mädchen schrieen laut und hysterisch, als Arnim noch einmal von der Bühne in den Graben sprang und ein paar von ihnen die Hand gab. Er rannte an der ersten Reihe vorbei und lächelte sie an, und alle strahlten ihm voller Euphorie entgegen.
Nur eines nicht. Er blickte in ihre samtigen Augen und sie stand einfach da, schrie nicht, wie alle anderen um sie herum und streckte ihm auch nicht ihre Hand entgegen, sondern lächelte einfach nur das sonnigste Lächeln vor sich hin, das er je gesehen hatte.


1.



Ich wollte nicht auf dieses Konzert.
Überall um mich herum schreiende Mädchen.
Ich stehe hier, in dieser Masse aus Euphorie und Herzklopfen.
Ich bin nur Eine von vielen.
Nur Eine.
Und doch bleibt er genau vor mir stehen, steht da, lächelt, so wie er’s bei allen anderen auch gemacht hat, aber irgendwie auch anders.
Ich lächele auch.
Die Zeit scheint für einen kurzen Moment still zu stehen, doch dann springt er wieder auf die Bühne. Das letzte Lied ist zu Ende, alle verbeugen sich.
„Tschüss, danke für den schönen Abend!“, noch einmal höre ich seine Stimme, dann geht er.
Langsam löst sich das Gedränge um mich herum auf, ich bekomme wieder Luft.
Mein vom Schweiß nasses T-Shirt klebt an meinem Rücken, meine Hose fühlt sich an, als wäre ich durchs Meer gelaufen und meine Haare hängen mir ins Gesicht.

„Und wie fandest du es?“, ich hörte die erschöpfte Stimme meiner Freundin hinter mir.
Sie hatte ein debiles Grinsekatzengrinsen im Gesicht, ihre Augen leuchten.
Schnell schnappte sie sich meine Hand.
„Los, komm, lass uns was zu trinken holen. Und dann will ich zum Merch-Stand.“
Schlapp ging ich hinter Pia her.
„Nun lass dich nicht so hängen, Anna!“, sie zog ruckartig an meinem Arm und ich schrie kurz auf.
„Aua!“ beschwerte ich mich, ging nun aber doch etwas schneller.
Wir holten uns einen überteuerten Becher Bier und schauten uns das Merchandising an.
Pia war begeistert und kaufte sich eins der neuen Tourshirts.
„Können wir jetzt gehen?“, meine Füße taten weh und in meinem Ohr machte sich dieses endlose Piepen breit, das man immer hat, wenn man ohne Ohrenstöpsel auf einem Gig war.
Pia sah mich mit flehenden Augen an, dann beugte sie sich zu mir.
„Bitte, es kursieren Gerüchte, dass sie noch Autogramme geben, aber das kann dauern, wir müssten ein bisschen warten.“, flüsterte sie mir mit ihrer heiseren Stimme ins Ohr.
Autogramme? Ihn noch einmal sehen?
Was denke ich da eigentlich?
Ich seufzte, dann sah ich wieder in die bettelnden Augen meiner Freundin.
„Komm schon! Für mich. Schau, es sind fast keine Fans mehr da, dass wäre so super.“
Ich konnte nicht „nein“ sagen, und vielleicht wollte ich es ja auch gar nicht.
„Ja okay.“, gab ich nach und setzte mich mit ihr und einem weiterem Bier auf eine Treppe nahe an der Garderobe.
„Nun sag doch endlich wie du es fandest!“, drängelte Pia plötzlich.
Ich sah sein Lächeln, „Joar… war ganz gut.“, ich schaute Pia nicht in die Augen.
Sie beugte ihren Kopf runter und versuchte einen Blick auf mein Gesicht zu erhaschen.
„Ganz gut?“
Ich musste unweigerlich anfangen zu grinsen, sie kannte mich doch zu gut.
„Ja, verdammt! Es war gut, besser als ich erwartet hatte.“
Sie zog die Augenbraue hoch.
„Ich geh mal kurz aufs Klo.“, murmelte ich.
Pia blickte panisch auf die Uhr, „Aber beeil dich!“
Ich schlendere zur Damentoilette.
Ich ließ mir kühles Wasser über die Hände laufen.
Den Blick in Spiegel hätte ich lieber lassen sollen, meine Haare lagen platt an meinen Kopf gedrückt, obwohl sie relativ kurz sind.
Ich fuhr mit meinen nassen Händen durch meine Haare und versuchte sie wieder aufzurichten, dann beseitigte ich meine Makeup- Ränder und verließ die Toilette.



2.

Pia und ich saßen immer noch auf der Treppe, inzwischen waren nur noch wir und ca. 15 anderen Fans da.
Plötzlich ging die Tür zu Halle auf, dass erste was ich sah war ein grauer Hut, dann ein grünes Beatles T-Shirt.
„Wie heißt der Sänger noch mal?“, fragte ich meine Freundin im Flüsterton.
„Arnim...“, hauchte sie, starrte aber weiter den Gitarristen Peter mit glasigen Augen an.
Die Beatsteaks gingen genau an uns vorbei, direkt zum Merchandising Stand.
Ich beobachtete Arnim genau, wie er ging, wie er sich die Haare aus dem Gesicht strich. Vorsichtig drehte er seinen Kopf zu mir, ich lächelte, mehr nicht.
„Bist du eigentlich bescheuert?“, fragte ich mich, als ich wieder zu mir kam. „Jetzt sitzt du hier, schmachtest diesen Typen an, wie ein Teenager, und grinst auch noch genauso wie Pia.“
Er ging weiter.
Inner halb von Sekunden hatten sich die paar geduldigen Fans um den Stand versammelt und bedrängten die fünf mit Fotoapparaten und Eddings.
Die Armen.
Ich stand gequält auf.
Pia nahm mit zitternden Fingern meine Hand und zog mich auf die Menschenmasse zu.
„Da...guckt doch mal, wie süß er ist. Los, guck doch. Oh, nein....wie sehe ich aus?“, sie murmelte unverständliches Zeug in sich hinein und schaute immer wieder zu Peter.
Wir standen als Letzte in der Reihe.
Schon wieder warten!
Ich hatte keinen Bock mehr auf das ewige Warten. Oder vielleicht doch?
Langsam ließ ich meinen Blick zu Arnim schweifen.
Er stand da, sah aber kein bisschen genervt aus von all den Mädchen die sich nacheinander in seinen Arm schmissen. Er lachte fröhlich.
Diese Ausstrahlung.
Ich schaute auf sein Beatles-Shirt, das gleiche besaß ich auch. Ich musste schmunzeln. War er auch Beatles- Fan?
Sein Hut gefiel mir. Seine leuchtenden Augen auch.
Aber er war immer noch Arnim von den Beatsteaks.
Die Schlange wurde kürzer. Die Fans weniger. Nun standen nur noch wir und ein paar Leute im Vorraum, die ihre Autogramme aber schon hatten.
„Hey.“
Peter lächelte uns beiden freundlich an.
„Hi.“, piepste Pia kleinlaut. Gott war das peinlich, ich stieß sie unauffällig in die Seite.
„Kannst du „Für Pia!“ schreiben?“, fragte sie ihn, nun mit etwas festerer Stimme.
Ich grinste, dass war halt meine kleine Pia, ich musste an ihr Schlafzimmerzimmer denken.
Ein großes Peter- Poster, das sie sich hatte drucken lassen, hing in der Schräge.
Was er wohl sagen würde, wenn er ihr Zimmer sehen würde?
„Kann ich was für dich tun?“ Verwirrt schaute ich in seine Augen, Arnim hatte sich vor mich gestellt und blickte mich frech grinsend an.
„Ich..ähm....“
Nein, STOP!
Das war nicht besser als Pia.
Ich sortierte meine Gedanken.
„Ich bin nur mit meiner Freundin hier.“
„Ach so...“, er blickte mich etwas enttäuscht an und machte den Edding wieder zu.
Wie niedlich.
„Aber du darfst mir trotzdem ein Autogramm geben.“, meinte ich, unschlüssig nahm ich eine der Autogrammkarten die auf dem Tisch lagen und reichte sie ihm.
Nun breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Soll ich ein Foto von euch machen, Anna?“, Pia hatte ihre Kamera schon gezückt und strahlte mich an.
„Ja klar, komm mal hier rum.“
Nein.....
Anne stupste mich in den Rücken und ich ging auf Arnim zu.
Er war mindesten 15 cm größer als ich und legte seinen Arm um meine Schultern, ich fühlte mich klein und auf eine gewisse Weise unwohl, trotzdem versuchte ich zu lächeln.
Blitz!
Schon kam Pia mit der Digicam in der Hand zu mir und hielt mir das Foto unter die Nase.
„Guck!“
„Hey schön.“, hörte ich Arnims vom Konzert raue Stimme dicht an meinem Ohr, zu dicht.
Endlich war Pia wunschlos glücklich, sie hauchte Peter noch ein „Tschüss“ entgegen und wir verließen die Halle.
Draußen schlug mir ein kalter Nieselregen ins Gesicht und ich machte meine Jacke bis oben hin zu. Obwohl es kalt war, war ich froh endlich wieder frische Luft atmen zu können, sie lichtete den Nebel in meinem Kopf und der Rauchgeruch verschwand aus meiner Nase.
„Danke!“, lachte Pia fröhlich neben mir, ihre Wangen waren gerötet und sie schien die Kälte und den Regen nicht zu bemerken, so verzaubert war sie von dem, was gerade passiert war.






3.

Ich war zuhause.
Leise schloss ich die Tür auf, um meinen Kater nicht zu wecken.
Ich legte meinen Schlüssel auf das kleine Tischen neben der Tür und schlich durch den Flur.
Plötzlich kreischte etwas laut.
„Scheiße!“, fluchte ich und suchte verzweifelt den Lichtschalter.
Ich war meinem Kater John-Lennon auf den Schwanz getreten.
„Guck mich nicht so beleidigt an, tut mir ja Leid, aber wenn du hier so im Flur herumliegst….“
Fauchend verzog er sich ins Schlafzimmer.
Genervt zog ich meine Jacke aus und schmiss sie in die Ecke, ich wollte nur noch schlafen.
Vorher musste ich noch duschen, mein T-Shirt klebte immer noch auf meinen Rücken. Noch mit nassen Haaren ließ ich mich erschöpft ins Bett fallen.
Das Piepen in Endlosschleife war immer noch in meinem Ohr, trotzdem packte mich die Müdigkeit und mir fielen meine bleischweren Augenlieder zu.



Um mich herum war alles still, obwohl 1000 Menschen um mich standen, alle schrieen, kreischten und hüpften, synchron in einem Takt, den ich nicht hören konnte.
Ich sah Schweißperlen auf der Stirn des Jungen neben mir, trotzdem war mir kalt.
Ich versuchte mich durch all die Menschen zu kämpfen, auf der Suche nach Pia. Ich wusste, sie würde irgendwo auf mich warten, aber ich konnte sie nicht finden.
Dann, ganz leise, höre ich eine Stimme.
Komm mal hier rum
Ich schaute mich um, aber sah niemanden, der mit mir redete.
Komm mal hier rum
Nun hörte ich sie lauter und deutlicher.
Es war eine schöne, raue und tiefe Stimme, die mir bekannt vorkam.
KOMM MAL HIER RUM!
Auf einmal schrie sie! Irgendetwas schrie mich panisch, laut an.
Und dann kam das Piepen wieder, lauter und schneller und irgendwie anders als letztes Mal.



Ich schlug meine Augen auf.
John-Lennon saß auf meiner Brust und miaute mich an.
Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare und schupste meinen Kater sanft von mir, er sprang schmollend vom Bett.
„Du beleidigte Leberwurst!“, murmelte ich und schmiss ein Kissen nach ihm, dann ließ ich mich wieder zurück fallen.
Was war das denn für ein kranker Traum?
Diese Stimme, ich hatte sie immer noch im Ohr, ich kannte sie.
Nach weiteren zehn Minuten, schwang ich endlich meine Beine aus dem Bett und schlurfte in die Küche.
John-Lennon saß in der Ecke, auf meiner Jacke.
„Hey, komm da runter! Los, du kriegst was zu Essen.“
Da spitzen sich seine grauen Ohren und er schlich mir schnurrend um die Beine.
Ich hob meine Jacke auf und hängte sie an die Garderobe.
Dort, wo sie gelegen hatte, lag nun eine weiße Karte.
Die Autogrammkarte!
Ich bückte mich nach dieser, beachtete sie aber nicht weiter und legte sie auf die Arbeitsplatte. Erst einmal brauchte ich einen Kaffee.
Dankbar blickte ich auf den neuen Kaffeeautomaten, den meine Eltern mir zum Geburtstag geschenkt hatten.
Nur drauf drücken und fertig.
Ich betrachtete zufrieden die dampfende Tasse und stellte sie auf den Tisch.
Dann fischte ich mir eins von den süßen Brötchen aus der Tüte, die seit gestern auf der Ablage stand und setzte mich.
Wieso gibt es sonntags keine Zeitung? Weil arme Menschen dann arbeiten müssten, okay.
Aber so still und ohne etwas zu lesen war auch scheiße, also machte ich mein nostalgisches Radio, das ein Erbstück meiner Oma war, an.
„Let me in!“
Die Stimme!
“Das waren die Beatsteaks, mit “Let me in”, gestern haben sie ihren Tourabschluss in Berlin gefeiert...“
Ich drückte auf Off.
Es war seine Stimme gewesen in dem Traum.
Ich trank den letzten Schluck Kaffee und brachte die Tasse zur Spüle.
Mein Blick schweifte zu der Autogramm Karte, Arnim und die anderen lachten mich fröhlich an.
Ich drehte sie um.
„Für Anna Arnim“
Und was war das?
Nein. Er konnte doch nicht!
War das etwas?
Will der mich verarschen?
Schnell griff ich zum Telefon.


4.

„Teutoburg-Weiß“
Eine sehr verschlafende Stimme murmelte etwas in den Hörer.
Schnell legte ich auf.
Scheiße!
Du benimmst dich wie ein Kleinkind!

Ich starte auf das Telefon in meiner Hand.
Er hatte wirklich seine Handynummer auf die Autogrammkarte geschrieben.
Und ich bin auch noch so blöde und rufe morgens um halb elf da an.
UND lege dann wieder auf.
Ich schlug mir mit der flachen Hand vors Gesicht.
Mit zitternden Händen legte ich das Telefon weg und ging ins Wohnzimmer, ich legte meine Lieblings Beatles Platte auf und drehte meine Boxen auf LAUT.
Gleich besserte sich meine Laune wieder, bei dieser Musik musste es einem einfach gut gehen.
Ich schob für einen Moment alle Gedanken an Arnim und die Autogrammkarte beiseite und tänzelte laut singend durch meine Wohnung.
Da klingelte das Telefon.
Mein Herz blieb stehen.
Rückruf? Hatte er meine Nummer gesehen?
PANIK!
Ich machte meine Musik leiser, ging auf das läutende Höllending zu und schaute es skeptisch an.
Langsam streckte ich meine Hand aus, mit dem Daumen drückte ich auf den Knopf.
„Hallo?“
„Anna?“
Ich hörte den Stein, der mir vom Herzen fiel, auf dem Boden aufschlagen.
„Pia.....“
„Guten Morgen!“
„Ja, danke dir auch“, ich seufze innerlich laut und beruhigte mich wieder.
Wieso sollte er auch zurückrufen.
„Ist was? Hast du einen anderen Anrufer erwartet?“
„Nein! Wieso?“
„Du klingst so enttäuscht.“
„Tu ich nicht!“
„Wohl“
„Nein.“
„Wer?“
„Niemanden, wen sollte ich schon erwarten?“
„Weiß ich ja eben nicht!“
Was bildete sie sich ein?
„Warum rufst du an?“, ich setzte mich aufs Sofa.
„Nur so, wollte nur hören wie es dir geht und so. Ob du noch gut nach Hause gekommen bist.“
„Ja bin ich.....“


5.


Die Tage vergingen, es wurde kälter, es war Anfang November.
Ich hatte das Gefühl, egal was ich machte und tat, die Beatsteaks und besonders Arnim verfolgten mich. Immer, wenn ich Radio hörte, wurde ein Lied von ihnen gespielt. Auf MTV liefen ständig Interviews, Masters und Videoclips.
Und immer war ER sehen, viel zu oft in seinem grünen Beatles T-Shirt oder in einem schlichten weißen, unter dem sich sein muskulöser Körper nur zu gut abzeichnete.
Wurde ich paranoid?
Oder wollte mein Unterbewusstsein nur etwas ganz anderes als der Rest meines Ichs?
Oft hatte ich die Autogrammkarte in der Hand, ich drehe und wendete sie, schließlich konnte ich Arnims Nummer auswendig.
Es war Wochenende, ein kalter, aber sonniger Tag. Nach einem unserer ausgedehnten und reichhaltigen Lachsfrühstücke war Pia in die Küche gegangen, um noch eine Flasche O-Saft aus dem Kühlschrank zu holen.
BUMM
Zum Glück war es eine Plastikflasche.
„Pia?“
Mit einem sehr merkwürdigen Gesichtsausdruck kam sie ins Wohnzimmer und in ihrer Hand:
Die Autogrammkarte.
Ich wusste, das konnte nichts Gutes heißen, ich hatte ihr immer noch nichts davon erzählt.
„Ich....“
Sie ließ mich nicht ausreden.
„Ist das Arnims Nummer?“
Ihre großen braunen Augen durchbohrten mich.
„Ja.“
„Hast du mit ihm telefoniert?“
„Ja. Nein. Ich hab....“
„Du hast was?“, ihre Stimme klang nicht böse, eher neugierig und etwas misstrauisch.
„Ich hab es erst am nächsten Tag nach dem Konzert gesehen. Ich hab angerufen, er ging dran und ich hab aufgelegt.“
„Mehr nicht?“, hakte sie nach.
„Mehr nicht.“
Pia ließ sich auf einen Stuhl fallen, ihre hübschen blonden Haare sahen auf einmal sehr elektrisiert aus, ich wusste, sie dachte scharf nach.
„Du hast die Handynummer von Arnim Teutoburg-Weiß, der Frauenschwarm schlecht hin, sie ist seit über 2 Wochen in deinem Besitz. Er wohnt hier in Berlin und du hältst es nicht für nötig, dich wenigstens einmal bei ihm zu melden, selbst um zu sagen, du hättest kein Interesse?“
Ich dachte nach.
Irgendwie hatte sie ja Recht, irgendwie war es gemein von mir, aber ich war mir gar nicht mal so sicher, ob ich wirklich kein Interesse an ihm hatte.
Pia schüttelte immer noch den Kopf, ich konnte die Empörung in ihren Augen sehen.
„Ja, ich weiß, ich bin gemein, aber ich konnte nicht...wollte nicht, was weiß ich.“, murmelte ich leise.
Pia hielt die Karte immer noch in der Hand. Sie gab ein Geräusch von sich, das wie ein „Tzz“ klang und ging zurück in die Küche.

Unschlüssig betrachtete ich die Wolken am grauen Novemberhimmel.
Meine Wohnung lag in einem schönen Viertel, ich konnte genau auf einen klitzekleinen Park schauen, doch um diese Jahreszeit war dort niemand.
Auch nicht Arnim...
Wo er wohl wohnt?
Pias Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
„Wollen wir nicht mal wieder in dieses kleine lauschige Café gehen? Wo es die weiße, heiße Schokolade gibt, mit der vielen Sahne?“
„Das „Schokostübchen“? Wie kommst du denn da plötzlich drauf?“
„Ach, ich weiß nicht, ist mir gestern so eingefallen.“
„Hmm.. Morgen?“, ich schaute sie an.
„Ja, das wäre schön.“, sie lächelte.
Meine Pia halt.
„Du, ich muss auch schon los, tut mir Leid, dass ich dich mit dem Chaos so sitzen lasse“, sie warf einen mitleidigen Blick auf den Frühstückstisch, „aber ich muss echt weg.“
„Kein Problem, morgen Nachmittag dann?“
„Ja.“
Wir verabschiedeten uns und sie ließ mich und John-Lennon alleine.

Als ich in die Küche kam, hing das Autogramm wieder an dem gewohnten Ort, an der Pinnwand.
Ich musste leise seufzen, wieso machte sie so einen Aufstand?
Und wieso hatte ich ihr nicht schon viel früher davon erzählt? Pia hatte zwar nichts gesagt, aber ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass es ihr zu schaffen machte. Schließlich war sie es, die mich zu diesem Konzert geschleppt hatte und die der große Beatsteaks Fan war.
Aber wenn sie all zu sauer gewesen wäre, hätte sie sich nicht morgen mit mir verabredet.
Ich versuchte, den Rest des Tages nicht mehr da drüber nachzudenken.








6.


Es war schon halb zwei und ich kam gestresst von der Uni, schnell hatte ich mich von meinen Klamotten befreit, war duschen gegangen, hatte etwas Frisches angezogen und mich wieder in mein Auto gesetzt.
Ich liebte dieses Café, ich wusste selbst nicht, warum wir schon so lange nicht mehr da gewesen waren.
Ich schlenderte die schmalen Treppenstufen runter, zu der kastanienfarbenen Tür mit dem großen, pompösen goldenen Griff.
Warme Luft schlug mir entgegen, sie roch nach Kamin und Schokolade, ich sog diesen Geruch tief in meine Nase ein, dann suchte ich mir einen kleinen Tisch in der hintersten Ecke, und ließ mich in einen der dicken, rot gepolsterten Sessel fallen.
Ich war eindeutig zu lange nicht mehr hier gewesen.
Eine kleine mollige Frau mit perfektsitzender, grauer Dauerwelle kam auf mich zu.
Sie erinnerte mich immer an die „Gute Fee“ von Aschenputtel.
„Was kann ich für Sie tun?“
Ich warf schnell einen Blick auf die Kuchenauslage.
„Ein großes Stück Schokoladentorte und eine heiße Weiße Schokolade mit Sahne.“, bestellte ich und freute mich schon richtig auf die dampfende Tasse, die immer so lecker süßlich roch.
Wo blieb Pia?
Schnell kam die „Gute Fee“ wieder an meinen Tisch und lud einen heißen Becher mit einer Sahnewolke und meine Schokotorte ab.
„Danke schön!“
Ich nahm meine Kuchengabel und wollte gerade die Spitze des Stückes abstechen als ich wahrnahm wie sich jemand an meinen Tisch setzte.
„Da hast du dir aber was vorgenommen.“
Langsam hob ich meinen Kopf, ich kannte die Stimme. Ein Paar graublaue Augen blitzen mich an.
Ich öffnete meinen Mund, wollte etwas sagen, aber nichts kam. Meine Kehle fühlte sich nur schrecklich trocken an.
Arnim zog seine Jacke aus und grinste mich immer noch an.
DAS BEATLES T-SHIRT! Ich hatte es auch an.
„Schön dass du dich doch noch bei mir gemeldet hast, ich...“
„PIA!“ knurrte ich laut.
„Was?“, Arnim schaute mich irritiert an.
Ich schluckte. Es war gemein.
Verlegen schaute ich zum Fenster, dann wieder zu ihm. Seine Augen leuchteten mich an.
Ich konnte ihm doch nicht einfach sagen, dass ich gar nicht auf ihn wartete.
Aber ich musste.
„Ich habe mich nicht bei dir gemeldet, es war meine Freundin, wir wollten uns heute hier treffen und...“, meine Stimme erstarb, als ich sah wie das Glitzern aus seinen Augen verschwand.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich war sauer auf Pia, geschockt. Das hatte ich ihr wirklich nicht zu getraut, aber viel schlimmer war, dass ich nun komplett verwirrt war.



7.


Arnim schaute immer noch irritiert, sein Lächeln war verschwunden.
„Du wolltest dich also nicht mit mir treffen.“
„Nein...“, murmelte ich.
Wollte ich nicht?
„Okay...dann geh ich besser.“, schon stand er wieder auf.
„Nein, wenn du schon hier bist, dann bleib doch, ich meine...“, ich wusste selbst nicht was ich meinte.
„Nein, dass ist mir echt zu blöde.“, seine Stimme klang nicht mehr fröhlich, nicht so sanft und trotzdem tief und rau, sondern matt.
„Tut mir Leid.“
Ich starrte in meine Tasse, in der der Sahneberg in sich zusammen fiel.
„Brauch es dir nicht, deine Freundin war schließlich Schuld. Sie hat mir ja diesen Hieb verpasst.“
Er schaute mir in die Augen, „Tschüss…“, dann drehte er sich um und ging.
Schon als die Tür hinter ihm zuging, bereute ich, was ich gesagt hatte.
Trotzdem blieb ich sitzen, starrte weiter in meine Tasse.
Der Hunger auf Schokotorte war mir vergangen und ich legte einen Zehner auf den Tisch, dann verließ ich ebenfalls das Café.
Die kalte Herbstluft war nun noch unangenehmer, sie fühlte sich eisiger an, und roch leider nicht so gut nach Kamin wie in dem kuscheligen Raum, in dem ich eben noch gesessen hatte.
Ich schaute mich um.
Vielleicht war er noch irgendwo?
Da!
Ein Stück Straße runter sah ich jemanden mit einem Hut.
Dass musste er sein, ich rannte los.
Nein, du rennst nicht!
Also verlangsamte ich meinen Schritt wieder etwas.
Schließlich willst du doch nicht, dass er denkt, du rennst ihm hinterher,oder?
Außerdem siehst du sonst so abgehetzt aus.

Ich hasse mein Gewissen und meinen Kopf und alles was den lieben langen Tag mit mir redet.
Ich öffnete meinen Mund.
Nein, schreien war echt ein bisschen zu dramatisch, also rannte ich wieder ein paar Meter, er war nun fast vor mir.
Ich verlangsamte meinen Schritt, atmete einmal tief durch.
Was wollte ich eigentlich sagen?
„Hey tut mir Leid, ich hab`s mir anders überlegt?“
Noch ein paar Schritte, jetzt war ich neben ihm.
Er drehte seinen Kopf kurz zu mir, mir war, als hätte ich ein Lächeln gesehen.
„Hey...“, sagte ich`.
„Hey.“
Na ja, etwas mehr Begeisterung hätte ich erwartet, aber was soll´s.
Wir gingen ein paar Minuten schweigend nebeneinander her.
„Ist grad irgendwie dumm gelaufen, ich wollte dich nicht so abservieren.“
Er machte ein murmelndes Geräusch.
Ich seufzte.
„Ich war so überrascht und sauer, weil ich meiner Freundin so etwas Hinterhältiges nicht zugetraut hab.“
Er sagte immer noch nichts.
„Ich, sie...Sie hat gestern die Autogrammkarte gefunden und deine Nummer gesehen, darauf in hat sie sich beschwert, dass ich mich nicht gemeldet hab, also bei dir.“
„Hättest du ja auch mal machen können.“, leise hörte ich seine Stimme.
Mehr hatte er dazu nicht zu sagen?
Ja, er hatte ja Recht, aber trotzdem.
Musste er nun den Beleidigten spielen, fast bereute ich, dass ich ihm hinterher gelaufen war.
„Warum bist du mir dann trotzdem hinterher gerannt?“
„Ich bin nicht gerannt.“, gab ich trotzig zurück, ich brauchte Zeit für eine Antwort.
„Bist du wohl, hab ich doch gesehen.“, zum ersten Mal grinste er wieder.
Er drehte sich wieder zu mir und schaute mir in die Augen.
Diese Augen.
„Ich ...ich weiß auch nicht.....“
Plötzlich blieb er stehen und zog einen Schlüsselbund aus der Tasche.
„Möchtest du mit hoch kommen? Auf einen Kaffee?“



8.


Langsam ging ich hinter ihm die Treppe hoch.
Ich hatte mich für den Kaffee entschieden. Pia würde stolz auf mich sein.
Pia, ich knirschte unbemerkt mit den Zähnen, die würde noch was zu hören bekommen.
Arnim öffnete die Tür zu seiner Wohnung. Ich trat in einen großen Flur, drückte ihm meine Jacke in die Hand die er auf eine Garderobe in der Ecke hing dann bog er nach rechts in die Küche.
Seine Wohnung war hell und trotz des grauen Wetters hatte man ein bisschen das Gefühl, die Sonne schiene. Ich musste lächeln, was dachte ich mir da bloß schon wieder?
Mit ein paar Handbewegungen hatte Arnim einen Kaffee aufgesetzt, er besaß keinen so praktischen Kaffeeautomaten wie ich.
„Du?“
„Ja?“
„Ich wollte dich fragen, was Pia dir denn gesagt hat?“
„Gar nichts, sie hat mir nur eine SMS geschrieben.“, er zog sein Handy aus der Hosentasche seiner Jeans, drückte ein paar Tasten und hielt es mir hin.

Hi, Arnim, tut mir Leid, dass ich mich erst jetzt melde, ich würde mich gerne mit dir treffen, kannst du morgen in das „Schokostübchen“ kommen? Gegen 14.30 Uhr? Anna

„Das ist mir vielleicht eine.“, ich schüttelte leicht den Kopf, obwohl ich sauer war, musste ich schmunzeln.
Da Arnim wieder nichts sagte, fing ich an, ihm von Pias und meinem Gespräch nach dem Frühstück zu erzählen.
„Sie muss sich die Nummer gemerkt haben, dann hat sie dir geschrieben und mir gesagt, sie würde so gerne mal wieder mit mir Schokolade trinken gehen.“
Er stellte eine heiße Tasse vor mir ab und setzte sich mir gegenüber.
„Und ich hab mich so gefreut.“, murmelte er in seine Tasse und trank einen Schluck.
Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg.
„Hey, tut mir Leid dass ich mich nicht gemeldet hab, ich weiß, dass war scheiße von mir.“
Er schüttelte den Kopf, dann zuckte er mit den Schultern.
„Wenn du dich halt nicht mit mir treffen wolltest.“
Mein Mund war wieder schneller als mein Gehirn.
„Ich wollte schon, also vielleicht. Ich hatte nur, also ich...“, ich merke wie sinnlos mein Gebrabbel war und hielt den Mund, innerlich strafte ich mich für diesen Satz.
Du wolltest dich gar nicht mit ihm treffen, niemals, nicht mit einem Sänger einer Band die du mittelmäßig findest und der dir rockstarmäßig die Telefonnummer aufs Autogramm schreibt.
„Nun bist du ja hier.“
„Ja, schon. Und komme mir scheiße vor.“
„Brauchst du nicht, kann schon verstehen, dass du eben überrascht warst.“
Ich schaute auf sein T-Shirt und ließ meinen Blick einen Moment auf seinem eigentlich ganz netten Oberkörper hängen.
„Magst du die Beatles?“
Dumme Frage, ich könnte mich schon wieder selbst schlagen.
„Ja klar, würde ich sonst das T-Shirt tragen?“
War klar, dass diese Antwort kommen musste.
Ich nickte.
„Schon klar.“
Wieder sagte keiner ein Wort, ich trank den letzten Schluck aus meiner Tasse.
„Das hattest du auch an, bei der Autogrammstunde.“
Er legte kurz die Stirn in Falten, „Stimmt.“
Plötzlich stellte er seine Tasse etwas lautstark auf den Holztisch, dann stand er auf und hielt mir seine Hand hin.
„Komm wir gehen rüber, und hören die Beatles.“
Ich lachte.
„Gute Idee!“



9.


Wir saßen im Wohnzimmer, ich auf einem Sessel, Arnim auf dem Boden an die Couch gelehnt.
Ich mochte seine Plattensammlung, er besaß viele CDs, die ich auch hatte, und mit großer Begeisterung stellte ich fest, dass er auch meine Lieblings Beatles Vinyl besaß:
„The Beatles Greatest“.
Nun hörten wir gerade “She Loves You”, unbeirrt sang ich mit, er auch.
„Mein Kater heißt John-Lennon“, meinte ich plötzlich.
Arnim guckte verdutzt, dann lachte er wunderbar sonnig und ich musste an das Konzert denken, an sein Lachen, ich sang weiter und auch mein Lächeln wurde immer breiter.
„Da ist es wieder!“, sagte er, aber seine Stimme klang anders, irgendwie leiser, zärtlicher.
„Was?“
„Dein Lächeln. Genau wie auf dem Konzert.“ Er schaute zu Boden, plötzlich herrschte Stille.
Die Platte war zuende, ich hörte das Klacken des Plattenarms, dann hörte man nichts mehr, nur ein paar Autos von draußen.
Unser Blick traf sich, seine gräulichen Augen strahlten, genau wie heute Nachmittag im „Schokostübchen“.
Ich konnte seinem Blick nicht lange standhalten, er verwirrte mich.
Also sah ich zu Boden, ich wurde nervös, vermisste John-Lennon, wenn er da wäre hätte ich etwas zum anfassen, das lenkte mich immer ab.
Die Holzdielen knirschten, Arnim war aufgestanden.
Ich dachte, er wollte zu seiner Anlage, die Platte wieder auflegen, aber er kam auf mich zu, hielt mir nur seine Hand hin.
Ich nahm sie, spürte seine warme, große Hand auf meiner, er zog mich hoch und ich folgte ihm.
Wir gingen auf den Balkon, es war kalt, um nicht zu sagen arschkalt, meine eine Hand steckte ich schnell in meine Hosentasche, die andere ließ ich in Arnims.
„Guck mal, es fängt an zu schneien.“, er hatte sich hinter mich gestellt.
Ich blickte in den Himmel, aus den dicken grauen Wolken fielen erste glitzernde Schneekristalle.
Ich mochte den Schnee, mag Arnim ihn auch?
Ein paar Minuten standen wir auf dem Balkon und blickten auf die weißen Schneeflocken, die immer dichter wurden, langsam wurde mir kalt, obwohl ich Arnims Wärme sehr, sehr nah bei mir spürte.
Vorsichtig drehte ich mich zu ihm um.
„Ich sollte jetzt gehen, bevor es noch mehr schneit, ich muss noch ein Stück laufen.“
Er schaute zu mir runter.
„Ja, ist wohl besser so.“
Schnell schlüpfte ich in meine Jacke, machte sie bis zum Hals zu.
Arnim hielt mir einen Regenschirm entgegen.
„Nein danke, ich mag den Schnee, besonders wenn er auf meinen Haaren liegt, dann fühl ich mich wie eine Eisprinzessin.“
Wieder dieses Lächeln.
„Und, war es so schlimm mit mir?“
„Nein, war es nicht.“, gab ich zu. „Und ich melde mich bei dir. Versprochen!“
„Will ich auch hoffen.“
Er beugte sich zu mir und umarmte mich kurz.
„Tschüss“, ich stieg die Treppen runter, machte die Hautür auf und trat an die Winterluft.
Eigentlich sollte mit kalt sein, doch ich spürte seine Arme immer noch um mich wie einen wärmenden Schutz.


10.


Ich lief zurück zum „Schokostübchen“ setzte mich in mein Auto, auf dem sich inzwischen eine dünne Schneeschicht gebildet hatte.
Ich blickte auf meine Uhr, 16.35 Uhr, noch genug Zeit um bei Pia vorbei zu schauen, bevor sie zum Training musste.
Wenn ich daran dachte, wie hinterhältig war, was sie gemacht hatte, wurde ich wieder sauer, ich trat ins Gaspedal und raste zu ihr.
Scheiße, alle Parkplätze besetzt. Aber ich musste mit ihr reden, also parkte ich im Halteverbot.
Schnell schaute ich die Straße herunter, nirgendwo war eine Politesse zu sehen, also schloss ich schnell meine Autotür und lief zu Pias Eingangstür, dann schellte ich Sturm.
Ich blickte noch einmal zu meinem Auto, immer noch niemand in Sicht, der mir einen Strafzettel verpassen könnte, trotzdem sollte ich mich nicht all zu lange bei Pia aufhalten.
Endlich ging die Tür auf, ich stürmte die Treppen hoch, Pia hatte anscheinend schon mit mir gerechnet, denn sie war kein bisschen überrascht, mich zusehen.
„Hi!“, unschuldig guckte sie mich an.
„Guck nicht so, lass mich rein.“
Schnell trat sie einen Schritt zurück und ließ mich in ihre Wohnung.
„War es so schlimm?“, fragte sie vorsichtig.
Bevor ich ihr sagen wollte, wie es gewesen war, würde ich ihr eine gehörige Standpauke halten.
„Was fällt dir eigentlich ein?“, polterte ich los.
„Willst du dir nicht erst mal die Jacke ausziehen?“, fragte Pia mich kleinlaut.
„Nein, will ich nicht. Und jetzt hört mir zu! Was fällt dir ein? Es ist nicht deine Sache, ob ich mich mit Arnim treffe oder nicht, auch wenn du meine beste Freundin bist und ein noch so großer Fan seiner Musik. Das war einfach nicht fair. Ich saß da schön mit Schokotorte und heißer Schokolade und plötzlich stand er vor mir, im Beatles T-Shirt!“, so langsam hatte ich meine Wut heraus geschrieen.
Pia schaute mich an, ich kannte diesen Blick, es war ihr Überheblichkeitsblick, den hatte sie immer, wenn sie schon längst wusste, was ich mir nicht eingestehen wollte.
Ich stampfte ins Wohnzimmer, ließ meine Jacke fallen und setzte mich auf ihr Sofa.
„Im Beatles T-Shirt also?“
„Jaa, im Beatles T-Shirt.“, ich schaute beleidigt auf den Fußboden und zählte die Kekskrümel.
„Willst du mir nicht erzählen wie es war?“
Also begann ich zu erzählen, wie ich ihn abserviert hatte und dann hinter ihm hergerannt war. Und von seiner schönen Wohnung.
Ich machte eine Pause.
„Mehr nicht?“
Also erzählte ich ihr von den Beatles und von seinem Balkon.
Sie grinste mich immer noch überheblich an.
„Ja, es war okay, und ja, vielleicht sehen wir uns wieder, bist du nun zufrieden?“
Sie nickte, dann kam sie auf mich zu und nahm mich in den Arm.
„Ich wollte nicht so gemein sein, aber ich kenn dich doch.“
Ich nickte bloß, ihre Arme fühlte sich nicht so gut an wie Arnims.




11.



Pia und ich verließen zusammen das Haus, sie musste zum Training, ich wollte endlich in meine eigene Wohnung, zu meinem Kater und vielleicht ein bisschen Beatles hören. Und endlich die heiß ersehnte Schokolade trinken, auch wenn es bei mir zu Hause keine weiße geben würde.
Erschrocken starte ich auf meine Windschutzscheibe, unter dem Scheibenwischer hing ein kleiner Zettel.
So ein Mist.
Ich stopfte den Zettel in meine Jackentasche, ließ mich in mein kaltes Auto fallen, in mein bitter kaltes Auto.
Meine Handschuhe hatte ich auch nicht dabei, ich traute mich kaum, dass Lenkrad anzufassen. Bis zu mir war es nicht mehr weit, wenn ich da war, wäre die Heizung gerade warm, also konnte ich sie auch gleich auslassen.
Um nicht noch länger über meine Autoheizung nachdenken zu müssen, machte ich endlich den Motor an und fuhr los.
Musik.
Ich schaltete mein Radio ein und atmete auf, fast hätte ich erwartet, dass die Beatsteaks laufen würden, aber er kam irgendein Popsong, den ich nicht kannte.
Bald könnte ich wieder meine Weihnachtskassette mit ins Auto nehmen, darauf freute ich mich jedes Jahr.
Zuhause kuschelte ich mich in meine Lieblingsdecke, machte mir meinen Lieblingsfilm an und trank endlich die Tasse Kakao, die hatte ich mir nun auch echt verdient.
Morgen war Dienstag, dass hieß Uni, eigentlich könnte ich mich erst Freitag wieder mit ihm treffen. Wollte ich?
Ja!
Und ich hatte es ihm versprochen.
Der Tag hatte mich geschafft, ich machte meinen Augen zu und wollte einen Moment entspannen, langsam schlief ich ein, mit einem friedlichen Lächeln auf den Lippen.



12.


Mittwochabend, ich saß in meiner Küche, das Telefon und die Autogrammkarte vor mir.
John-Lennon schlich schon die ganze Zeit um meine Beine, er miaute und schnurrte, schließlich krallte er sich in meinem Bein fest.
„Hey, was soll das? Kannst du nicht mal Ruhe geben, ich muss nachdenken.“, sauer schüttelte ich ihn von meinem Bein ab.
Eigentlich musste ich nicht nachdenken, nur Zeit schinden, ich saß schon fast eine ganze Stunde hier, mein Kaffee war kalt geworden, mir auch.
Ich brauchte bloß dieses Telefon zu nehmen, ein paar Ziffern einzutippen und ihn fragen, ob er Freitag schon etwas vor hatte, wenn er „Nein“ sagen würde, müsste ich ihn fragen, ob er Lust hätte, etwas zu machen, vielleicht zu mir zukommen, ich könnte kochen.
Ich nahm das Telefon in die Hand, drehte es einmal um, drehte es wieder, plötzlich klingelte es. Vor Schreck ließ ich es fallen, mein Herz schlug bis zum Hals, mein Puls war auf 180.
„Ja?“
„Wer ist denn da?“, eindeutig nicht seine Stimme.
„Anna Büttner!“
„Oh, Entschuldigung, hab mich verwählt.“
Ein Klick und es wurde aufgelegt, dass konnte doch nicht wahr sein.
Ich schaute wieder auf mein Telefon. Jetzt oder nie!
Schnell tippte ich die Nummer ein, es tutete, ich wartete.
Ich meinte mein Herz hören zu können, es schlug schmerzhaft in meine Rippen, wieso war ich so aufgeregt?
„Teutoburg-Weiß.“
„Hi, Arnim ich bin’s Anna.“, meine Stimme überschlug sich fast, im Hintergrund hörte ich Stimmen und eine Gitarre.
Bitte, lass ihn nicht bei den Proben sein, betete ich.
„Du, ich bin gerade bei den Proben, kannst du mir deine Telefonnummer geben? Dann ruf ich dich nachher zurück, okay?“
„Ja, ist okay.“
Arnim notierte sich meine Telefonnummer und legte auf.
Ich hielt das Telefon regungslos in der Hand, hörte nur noch das Tuten der leeren Leitung.
Jetzt musste ich wieder warten. Das war noch viel schlimmer als selbst anzurufen.





13.


John-Lennon war endlich ruhig, er hatte sein Futter bekommen, nun lag er friedlich schlummernd auf seinem Kissen.
Ich saß auf meiner violetten Couch, ich liebte diese Couch.
Im Zimmer war es dunkel, nur das Licht vom Flur fiel durch einen Spalt an der Tür herein, ich hörte das Ticken der Uhr, meine eigenen Atemzüge und den Regen der an mein Fenster klopfte.
Seit heute morgen regnete es wieder, der ganze Schnee hatte sich in einen ekeligen Matsch verwandelt.
Ich wartete immer noch auf ein Telefonklingeln, vor etwa zwei Stunden hatte ich Arnim angerufen, vorher hatte ich eine weitere Stunde Bedenkzeit gebraucht bis ich endlich all meinen Mut zusammen genommen hatte.
Wieso stellte ich mich eigentlich immer noch wie ein pubertierender Teenager an?
Wenn sich jetzt wieder jemand verwählen würde, würde ich an einem Herzanfall sterben, jedenfalls schien es mir so.
Wieder starte ich ins Dunkel.
„Someone to love, Somebody new. Someone to love, Someone like you.”, leise sang ich eins meiner Lieblingslieder vor mich hin.
Mein Herz setzte erst aus, für eine Sekunde spürte ich nichts, dann setzte es wieder ein.
Der Grund war das Klingen meines Telefons, das die Stille durchbrach.
Schnell griff ich danach, ich schaute auf das Display, dann drückte ich auf den grünen Knopf.
„Hallo?“
„Hi, Anna.“
“Hey, Arnim.”
“Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, aber wir haben länger gebraucht, weil ein Stück einfach nicht klappte.”
„Ist doch nicht schlimm, du hättest sonst ja auch morgen noch anrufen können.“
„Jah.“
Ein Moment herrschte Stille, dann sprach er weiter.
„Schön dass du dich gemeldet hast.“
„Ja klar, hab ich dir ja auch versprochen.“
„Stimmt.“, ein Lächeln schwankte in seiner Stimme, ich sah seine Augen vor mir.
„Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du Freitag schon was vor hast?“, gespannt wartete ich seine Antwort hab.
„Nein, ich denke nicht. Was hast du denn vor mit mir?“
„Ich dachte, ich könnte was kochen, du kommst zu mir, wenn du Lust hast.“
„Hört sich gut an, wann soll ich kommen?“
„Sieben?“
„Ja, müsste ich hinkriegen, hoffe ich, wenn ich ein bisschen später bin mach dir keine Gedanken.“
„Was soll ich denn kochen?“
„Irgendwas mit Nutella.“, er lachte. „Nein, ist mir egal, Nudeln, was du willst.“
„Okay, ich überlege mir dann was Schönes.“
Ich wollte noch nicht auflegen.
Ich erklärte ihm noch schnell wo er hin musste, doch dann was unser Gespräch auch schon vorbei.
Zufrieden legte ich den Hörer weg, nun konnte ich endlich schlafen gehen.



14.

Donnerstag verging noch relativ schnell, Freitagmorgen war lang, Freitagnachmittag noch viel länger.
Ich hatte längst alles eingekauft, das Kochbuch hundert Mal gelesen, wusste jeden Handgriff auswendig, es konnte nichts schief gehen, jedenfalls Nichts, was das Essen anging.
Ich machte Musik an, heute mal keine Beatles, sonder eine 60er Jahre CD, die ich von Pia bekommen hatte, ich mochte diese Musik wirklich sehr.
Gut gelaunt wartete ich, und wartete und wartete.
Ich könnte schon mal anfangen zu kochen, er hatte ja gesagt, dass er vielleicht etwas später kommen würde.
John-Lennon hüpfte auf meinen Schoss, ich strich geistesabwesend über sein samtiges Fell.
„Komm, wir gehen in die Küche, ich fang doch schon an.“
Er hüpfte von mir, landete sanft auf dem Boden und schlich vor mir her zur Küche.
Mein Blick wanderte zum Fenster, ich suchte die Straße nach ihm ab, aber noch war er nirgendwo zu sehen. Heute schneite es endlich wieder, dass freute mich.
Schließlich versuchte ich nicht länger über ihn nachzudenken, ich begann meine Pasta zu kochen und versank komplett in meiner Arbeit.
Die Küchenfenster waren beschlagen von der Hitze und meine Wangen waren gerötet, leise trällerte ich die Lieder mit, die aus meinem Wohnzimmer herüber klangen, dann klingelte es an der Tür.
Ich drehte meinen Herd etwas niedriger, warf noch einen zweifelhaften Blick in den Spiegel – das war jetzt auch zu spät – und ging zu Tür.
Mit Vorfreude auf das, was sich hinter ihr befinden würde, öffnete ich sie.
„Guten Abend!“
Ein grinsender, in dicke Jacke und Kapuzenpulli eingepackter Arnim mit einer Flasche Rotwein in der Hand stand vor mir.
„Hey, komm rein.“
Ich nahm ihm die Flasche ab und brachte sie in die Küche, Arnim folgte mir.
Neugierig schaute er in einen der Töpfe auf dem Herd, die leise vor sich hin köchelten.
„Sieht lecker aus.“
„Das will ich doch hoffen!“, sagte ich lachend, „Hier, deck du schon mal den Tisch.“ Ich drückte ihm zwei bunte Pastateller und Besteck in die Hand.
Arnim stellte die Teller auf den Tisch, legte sorgsam das Besteck daneben, dann guckte er sich in meiner Küche um, schnell hatte er den Schrank mit den Glasfronten entdeckt und nahm zwei Rotweingläser heraus. Auf seinen Haaren lag noch immer ein feuchter Schimmer von Schnee.
Ich war so vertieft in die Glitzerflocken auf seinem Haar, dass ich nicht merkte, wie er mich gespannt anschaute.
„Hey? Eisprinzessin?“
Ich schrak hoch und wurde leicht rosig im Gesicht.
„Sorry, ich war mit meinen Gedanken wo anders..“
„Ja, dass glaube ich auch.“, er grinste frech.
Ich drehte mich von ihm weg, meinte aber seinen Blick noch immer auf mir zu spüren, jetzt bloß nicht wieder nervös werden.
Vorsichtig rührte ich noch einmal durch meine Soße, dann brachte ich die ich Töpfe zum Tisch, schüttete gekonnt den Wein ein und setzte mich zu ihm.
Das Licht war gedämmt, ich hatte sogar eine Kerze angemacht, obwohl es mir ziemlich kitschig vorkam.
Ein paar Minuten saßen wir einfach nur da, aßen und sagten kein Wort.
Ich starrte auf einen roten Schatten, den das flackernde Kerzenlicht, welches durch mein Weinglas fiel, auf den Tisch zauberte. Er tanzte hin und her.
Ich musste an mein letztes romantisches Essen zu Zweit denken, es traf mich leicht irgendwo in der Magengegend, schnell verdrängte ich diese Gedanken wieder, daran wollte ich nun wirklich nicht erinnert werden.
Ich nahm mein Glas in die Hand, der rote Schatten verschwand.
Langsam blickte ich in seine Augen, sie glitzerten fröhlich.
„Schmeckt es dir?“, fragte ich leise, fast flüsternd, ich hatte Angst dieser Moment würde sonst zerstört werden.
Vielleicht ging es ihm genauso, denn auch er sprach nur leise.
„Ja, es schmeckt mir sogar sehr gut.“
Es freute mich dass zu hören.
„Wo ist denn dein Beatles Kater?“
Ich lachte.
„John-Lennon?“
„Ja, genau.“
„John? John-Lennon?“, ich pfiff leise, schon hörte ich seine Pfoten über den Fußboden trippeln.
„Hey, da bist du ja, hier will dich jemand kennen lernen.“
Er schaute mich neugierig aus seinen dunklen Augen an und schnupperte.
„Niedlich.“, vorsichtig beugte Arnim sich zu ihm und hielt ihm seine Hand hin.
Aber John-Lennon hatte kein Interesse, er blickte nur kurz auf, dann tappte er zurück von wo auch immer er gekommen war.
Ich kicherte.
„Er ist sehr wählerisch.“
„So wie du?“, Arnim schaute mir in die Augen.
„Ich?“ Ein weiterer Schluck Wein ran meine Kelle hinab.
„Ich bin nicht wählerisch. Glaube ich zumindest.“
Arnim nickte bloß.
Wieder schwiegen wir, aber es war nicht unangenehm, nicht so, als hätte man das Gefühl, man wüsste nicht was man sagen sollte, sonder eher, als wenn man versuchte möglichst viel von diesem Moment aufzunehmen, damit nichts verloren gehen würde.
Ich schaute ihn wieder an, seine Augen, sein Lächeln, meine Blick blieb an seinen schönen Lippen hängen.
Ich kaute an meiner eigenen Unterlippe und fragte mich wie sich seine Lippen wohl anfühlen würden.
Ob er wohl auch solche Gedanken hat?
Verlegen blickte ich auf meinen Teller, ich wollte um keinen Preis, dass er ahnen konnte wo dran ich dachte.
„Wie kommst du eigentlich zu deiner Liebe für die Beatles?“, fragte er mich plötzlich.
Ich fing an zu erzählen, langsam tauten wir beide auf, endlich vertieften wir uns in ein Gespräch, auch wenn das Schweigen nicht schlimm war, aber es war mindesten genauso schön, wenn er mir mit seiner wundervollen Stimme Geschichten aus seinem Leben erzählte.



15.


„Boar, ich bin so satt“, er lehnte sich zurück und streckte sich, sein Pulli rutschte ein Stückchen hoch an man konnte ein ganz kleines bisschen Arnim ohne Pulli erahnen.
Lächelnd stand ich auf und räumte das Geschirr zusammen.
Mir war wieder so als würde sein Blick dabei auf mir ruhen, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen.
Als ich wieder an den Tisch zurückging, schaute Arnim mich eindringlich an, als versuchte er, meine Gedanken zu lesen.
Zum Glück konnte er das nicht.
Ich trat vor ihn, er griff nach meinem Handgelenkt und zog mich plötzlich geschickt auf seinen Schoß.
„Hey.“, ich kicherte, „Was war denn das?“
„Überraschungsangriff“, meinte er lachend.
Ich entspannte mich und lehnte mich an ihn.
„Was wollen wir jetzt machen?“
Er überlegte kurz, „Du magst doch den Schnee , oder?“
„Jaah...“, sagte ich verträumt.
„Spazieren gehen!“
„Bei der Kälte? Nur weil ich den Schnee so mag?“
„Ja, wenn du willst, schon.“
Meine Lippen formten sich automatisch zu einem Lächeln.
„Okay, aber ich zieh mir schnell noch was Wärmeres über.“
Schnell, aber ungern, hüpfte ich von seinem Schoß und ging ins Schlafzimmer, unter einem Berg chaotisch aufeinander gestapelter Sachen, fand ich was ich suchte, meinen Lieblingspulli.
Ich schlüpfte in meinen heißgeliebten Parker, wickelte mich in meinem Schal ein, nur meine Handschuhe ließ ich absichtlich weg, sonst würde ich seine Hände nicht fühlen können.


16.

Kaum hatten wir das Haus verlassen, griff er nach meiner Hand, konnte er doch meine Gedanken lesen?
Wir steuerten auf den Park zu und traten in die verschneite Winterlandschaft ein, von allen Baumspitzen glitzerten die Schneekristalle, die dicken Wolken verzogen sich und man konnte manchmal den Mond sehen.
Wir gingen eine Weile ziellos umher, ich drückte mich etwas näher an ihn, denn es war wirklich bitter, bitter kalt, trotzdem genoss ich die frische Winterluft.
Wir kamen an einen Spielplatz, ich löste mich von ihm und lief auf die Schaukel zu.
„Los, kommt mit!“, rief ich ihm zu.
Er ging langsam hinter mir her, ich hörte den Schnee unter seinen Schuhen knirschen, als der den Rasen betrat.
Ich hatte mich auf eine der Schaukeln gesetzt, die Ketten quietschten, Arnim setzte sich auf die Schaukel neben mir.
„Früher war ich immer bei meiner Oma im Schrebergarten, da war ein Spielplatz mir einer Schaukel, ich habe die Schaukel geliebt. Nur einmal bin ich runter gefallen..“
„Oh, ist dir was Schlimmeres passiert?“
„Oh ja, gib mit mal deine Hand!“
Zögernd streckte er seinen Arm aus, ich fasste seine Hand und legte seinen Zeigefinger an meinen Hinterkopf.
„Fühlst du die Narbe?“
„Ja.“, er nickte, ich ließ seine Hand los, langsam zog er sie zurück.
„Trotzdem bin ich immer wieder auf die Schaukel gegangen, im Sommer blühten die Rosenbüsche drumherum, und im Winter habe ich geträumt ich wäre in einem Eisschloss gefangen und irgendwann würde ein Prinz kommen und mich retten.“
Ich hatte mich in meinen romantischen Vorstellungen überschlagen.
„Und? Ist jemals einer gekommen?“
„Nein, keine echten Prinzen, nur Frösche.“, ich schmunzelte.
Ich drehte mich weiter zu ihm, schaute ihm wieder in seine graublauen Augen, die so gut in die eisige Winterlandschaft passten. „Aber vielleicht kommt er ja bald.“, meinte ich flüsternd.
Arnim stand auf und zog mich von der Schaukel hoch in seinen Arm. „Ja vielleicht, Kleine.“
Ich fühlte seine Arme um meine Hüfte, spürte seinen Atem, der viel wärmer als der Rest der Luft war, nah bei mir.



17.

Der Mond schien durch meine Jalousie und leuchtete vor mein Bett.
Ich konnte einfach nicht einschlafen und das obwohl ich schon seit über zwei Stunden da lag, auf das Mondlicht auf meinem Fußboden starrte und auf die Schatten der Bäume, die ruhig im seichten Wind schwankten.
John-Lennon lag am Fußende meines Bettes und atmete ruhig, ich hörte nur sein Atmen und meinen eigenen.
Der Abend war richtig schön gewesen, Arnim hatte mich nach hause gebracht und wir hatten und für den nächsten Tag auf der Eisbahn verabredet.
Ich liebte Schlittschuh fahren und konnte ihn dazu überreden, dass wir zusammen gehen könnten und danach würden wir ins „Schokostübchen“ gehen und leckere heiße Schokolade trinken.
Als ich daran dachte, in dem wohlig warmen Café zusammen mit ihm zu sitzen, fühlte ich mich unglaublich gut, langsam aber sicher vernebelten meine Gedanken immer mehr.
Meine Augen fielen endgültig zu und der Schlaf packte mich und riss mich in eine Welt voller bunter Träume.
Am nächsten Morgen weckte mich wie fast immer John-Lennon, der hungrig, miauend auf meiner Brust saß, ich hatte fast unheimlich gute Laune hatte, also schmiss ich ihn nicht wie sonst vom Bett, sondern stand auf und ging mit ihm in die Küche.
„Hier Kleiner, kriegst heute Thunfisch zum Frühstück.“
Ich öffnete eine Dose Katzenfutter und begab mich dann ins Bad.
Nach einer ausgiebigen Dusche, mit reichlich Kokosnussshampoo, frühstückte ich lange und wartete darauf, dass es endlich Spätnachmittag werden würde, damit er vor meiner Tür stände und mich anholen würde.
In dieser Zeit dachte ich viel über ihn nach, ich wusste immer noch nicht was ich für Arnim empfand, wir verstanden uns super und gelegentlich schlich er in meine Gedanken.
Gelegentlich?
Ja, gelegentlich!
Oft konnte man das noch nicht nennen, also passte gelegentlich ganz gut.
Wir waren schließlich nur Freunde, Bekannte.
Arnim und ich hörten halt dieselbe Musik und aßen gerne die gleichen Sachen.
Und vielleicht mochte er mich ja auch ein bisschen.
Nein, tut er nicht.
Ein lautes Geräusch von draußen riss mich aus meinen Gedanken, ich schaute verwirrt aus dem Fenster.
Zwei Autos standen in einander verkeilt auf der Straße. Zum Glück war mein Auto außer reichweite.
Ich schaute auf die Uhr, es war schon halb Vier, so langsam sollte ich mich fertig machen.
Ich öffnete schnell die Balkontür, um zu testen wie kalt es war, sehr kalt.
Aber die Sonne schien schon den ganzen Tag, also packte ich mich dick ein, kramte meine Schlittschuhe aus dem Keller und setzte mich erwartungsvoll in die Küche.
Ich freute mich so sehr auf die Eisbahn, seit über einem Jahr war ich nicht mehr Schlittschuhlaufen gewesen, obwohl ich es so mochte.
Endlich klingelte es an der Tür.


18.
Schnell schnappte ich mir meine Tasche, streichelte John-Lennon noch einmal über den Rücken und öffnete schwungvoll die Tür.
„Hallo!“, überrascht lächelte mir Arnim entgegen. „Das ging aber schnell und fertig bist auch schon.“, er grinste mich frech an.
„Ja bin ich, los komm beeil dich, ich freue mich schon so.“
Ich nahm immer zwei Treppenstufen auf einmal und hüpfte zur Tür.
„Hey du freust dich ja wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal auf die Eisbahn geht.“
Ich drehte mich um und ging rückwärts weiter, damit ich ihn anschauen konnte.. „Ja, tu ich auch.“
Ich drehte mich wieder in Laufrichtung und genoss die Sonne in meinem Gesicht.
Plötzlich wurde mir klar wie albern ich mich benahm, wie ein frisch verliebter Teenager.
Dabei war ich doch gar nicht verliebt.
Meine Schritte wurden langsamer, so dass er neben mir her ging, wieder sprachen wir nicht.
Endlich hatten wir die S-Bahn Haltestelle erreicht von wo aus wir nur noch 15 min. zur Eisbahn brauchen würden.
„Freust du dich gar nicht?“ ich schaute Arnim fragend an.
In meinem Glückrausch, hatte ich gar nicht bemerkt, wie still er heute war, obwohl seine Augen im Licht glitzerten, und das war ein gutes Zeichen, hatte er noch nichts gesagt.
„Doch, doch, natürlich freue ich mich aufs Schlittschuh laufen, nur...“
In diesem Moment rauschte die Bahn ein.
„Nur was?“, schrie ich gegen das Donnern an.
Er machte bloß eine schnelle Handbewegung und gab mir zu verstehen, dass es nicht weiter wichtig war.
Wir stiegen in die Bahn und fuhren Richtung Eisbahn.
Arnim saß mir gegenüber, er hatte eine dicke Jacke an, einen schwarzen Hut auf und einen grauen Schal der sein Gesicht halb verdeckte.
Seine graublauen Augen blickten abwesend aus dem Fenster und beobachteten die Straße, die an uns vorbeizog.
Immer noch war er still, vielleicht hatte er einfach einen schlechten Tag gehabt.
„Los, komm, wir müssen raus.“ Ich stand auf und ging zu Tür, drückte auf den STOP Knopf und die Tür öffnete sich. „Arnim?“
Er schaute mich verwirrt an.
„Sorry, ich war gerade ein bisschen abgelenkt.“
Er stand auf und ging hinter mir her.
Ich konnte den Eingang zur Bahn schon sehen und ich hörte die Kinder lachen und schreien.
Grinsend marschierte ich auf die Kasse zu, Arnim ging langsam hinter mir her.
„Was ist denn heute los mit dir?“, ich griff nach seiner Hand und zog ihn hinter mir her, nun wurden seine Schritte schneller.
„Hast du Schlittschuhe dabei?“, fragte ich ihn.
„Ja, natürlich!“
Irgendwie war er heute komisch, ganz komisch sogar.
Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, weil ich selber so wunderbare Laune hatte.
Ich blickte über dir große Eisfläche, die Sonne spiegelte sich in ihr, überall waren Kinder mit ihren Familien, sogar ganz kleine, die kaum selber stehen konnten.
Ich setzte mich auf eine Bank am Rand und schlüpfte in meine weißen Schlittschuhe, ich hatte sie zu meinem 18. Geburtstags bekommen, das war nun schon einige Jahre her, aber ich besaß sie immer noch.
Arnim saß neben mir, er hatte schwarze Schlittschuhe, sie sahen relativ neu aus, als wäre er erst ganz selten damit gefahren.
Wieder griff ich nach ihm, dieses mal um mich an seinem Arm fest zuhalten.
„Auf drei stehen wir gemeinsam auf! Okay?“, er zählte bis drei, dann zogen wir uns aneinander hoch, und watschelten zur Eisfläche.
Ich trat mit dem ersten Fuß auf den spiegelglatten Boden vor mir und tastete mich vorsichtig mit dem zweiten hinterher.
„Wenn man eine lange Zeit nicht gefahren ist, ist es erst immer ganz komisch.“, glücklich strahlend schaute ich Arnim in die Augen, endlich lächelte er. Er ließ meine Hände nicht los und folgte mir. Langsam machte ich meine ersten Schritte, dann löste ich mich von ihm und versuchte langsam wieder ein Gefühl fürs Schlittschuhfahren zubekommen.
„Warte doch!“, hörte ich seine Stimme hinter mir her rufen, er war wesentlich unsicherer als ich und machte nur sehr kleine und noch wenig gleitende Bewegungen.
Nachdem wir uns ein paar Runden eingefahren hatten, taute auch Arnim auf und zum ersten Mal an diesem Nachmittag hatte ich das Gefühl, ihm würde es auch Spaß machen.
Nun wagte ich mich schneller zu fahren und drehte kleine Kreise um Arnim, doch er ließ sich nicht beirren, fuhr einfach weiter.
„Das ist das Richtige für dich, Eisprinzessin.“
„Ja, wenn es jetzt noch schneien würde, richtig dicke Flocken.“, begann ich zu schwärmen.
„Dann würde aber keine Sonne scheinen.“, bemerkte Arnim.
„Das stimmt auch wieder.“
Nach fast zwei Stunden machten sich meine Füße bemerkbar, sie fingen an zu schmerzen und wurden immer kälter, weil ich meine Zehen nicht richtig in den Schuhen bewegen konnte.
Langsam schlitterte ich auf Arnim zu, direkt in seinen Arm.
„Huch.“
Er legte seine Hände auf meine Hüften und hielt mich fest.
„Ja?“
„Ähm...wollen wir dahinten Glühweintrinken gehen?“, ich deutete auf einen kleinen Kiosk, am anderen Ende der Bahn.
„Ja klar, gerne“, vorsichtig drückte Arnim mich etwas von sich weg und wir fuhren zum Kiosk.
Der Glühwein schmeckte nach Weihnachten, Zimt und Nelken.
Er wärmte mich von innen auf und ich hoffte wir würden noch länger auf der Eisbahn bleiben, auch wenn es inzwischen richtig dunkel geworden war.
„Du Arnim? Bleiben wir noch ein bisschen?“, ich schaute ihn bettelnd an.
„Wollten wir nicht noch ins „Schokostübchen“?“, fragte er mich.
„Achja...“, meinte ich nun etwas matt, dass hatte ich ganz vergessen.
„Na komm, dann lauf noch ein paar Runden, ich kann aber nicht mehr.“, er setzte sich auf eine Bank.
„Ok.“, schnell stand ich wieder auf dem Eis und drehte meine Runde.
Arnim verfolgte mich mit seinen Blicken. Immer noch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er mit seinen Gedanken komplett woanders war.
Schließlich wurde mir doch zu kalt und ich wollte nun doch lieber gehen.
„Komm, meinetwegen können wir jetzt gehen.“
Langsam bewegten wir uns auf dein Ausgang zu gaben unsere Schlittschuhe ab und verließen die Eisbahn.
„Was war jetzt mit Schokostübchen? Ist ein bisschen zu spät oder?“
Arnim schaute skeptisch zu der großen Uhr an der S-Bahnhaltestelle.
„Ja, ich denke schon, wir verschieben es auf wann anders.“
Arnim murmelte etwas was sich wie „Okay“ anhörte. Gerade rechtzeitig fuhr unsere Bahn ein, wir drängelten uns zwischen die vielen anderen Menschen. Ich wollte gerne sofort nach Hause.
Natürlich bemerkte ich, wie Arnim scheinbar unauffällig immer wieder zu mir schaute, irgendetwas in seinem Blick verunsicherte, wenn nicht sogar verwirrte mich.
Als wir schließlich vor meiner Haustür standen, merkte ich, dass nun nichts Gutes passieren würde, viel zu lange schaute er mir tief in die Augen, plötzlich schloss er seine und kam etwas näher.
Nein, er darf dich nicht küssen!
Ich trat hektisch einen Schritt zurück, suchte meinen Schlüssel aus meiner Jackentasche und ging eilig zur Tür.
„Danke für den schönen Nachmittag, meldest du dich?“
Ich schaute ihm nicht in die Augen, konnte es auch gar nicht, denn sein Blick war zu Boden gerichtet.
Er stand da und nickte bloß.
Schnell machte ich dir Tür hinter mir zu.


19.

Er wollte mich küssen, er wollte es wirklich tun.
Völlig erschöpft ging ich die Treppe zu meiner Wohnung hoch.
Steht er da wohl immer noch, immer noch mit dem Blick zum Boden gesenkt?
Was war eigentlich so schlimm daran wenn er mich küssen würde?
Ich ließ die Wohnungstür hinter mir zufallen, dann glitt ich langsam an ihr hinab, bis ich auf dem Boden saß.
Wieso wollte ich nicht von ihm geküsst werden?
Es war als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt, plötzlich ging alles sehr unwirklich an mir vorbei, wie er seine Augen geschlossen hatte, meine Panikattacke und er geknickt vor meiner Haustür.
Es war gut, wie du gehandelt hast! Du lässt dich doch nicht einfach so küssen.
Ich raffte mich auf, schmiss meine Tasche in die Ecke, zog mich aus und warf mich in mein Bett.
Es war erst 20.00 Uhr und doch wollte ich nichts anderes als schlafen.



20.


Das Wochenende verging, die ersten Tage der neuen Woche vergingen auch, ich hörte nichts von Arnim.
Ich hatte noch nicht einmal Pia erzählt was passiert war, hatte nur erwähnt, dass ich mit ihm auf der Eisbahn war und dass es ein schöner Tag gewesen war.
Den ganzen Montag redete ich mir ein, dass es mir völlig egal war, ob er sich jemals wieder bei mir melden würde.
Dienstag gab ich zu, dass es schon schade wäre, weil wir uns ja so gut verstanden hatten und ich es aber sehr albern von ihm finden würde, wenn er sich nun so anstellen würde, nur weil ich ihn nicht küssen wollte.
Mittwoch schließlich wurde mir immer mehr klar, dass ich traurig sein würde, wenn er sich nie wieder bei mir blicken lassen würde.
Ihn anzurufen kam aber nicht in Frage, obwohl ich nicht mal wusste, was das größte Hindernis daran war: mein Stolz, nicht zu geben zu wollen, dass ich ihn jetzt schon vermisste oder meine Feigheit vor dem, was dann kommen würde.
Als ich Donnerstagnachmittag erschöpft von der Uni kam, fuhr ich gar nicht erst nach hause, sondern parkte gleich vorm „Schokostübchen“ um meinen Frust in viel Sahnetorte zu ersticken.
Ich setzte mich an meinen Lieblingstisch, ganz hinten in der Ecke.
Ich hatte noch nicht mal meinen Schal abgetan, als die „Gute Fee“ mit den grauen Haaren schon auf mich zukam. Sie lächelte mich freundlich an.
„Hallo, schön Sie wieder zu sehen, letztes mal waren Sie plötzlich weg.“
„Ja, ich hatte es sehr eilig, aber heute nehme ich mir richtig Zeit.“, ich rang mich zu einem Lächeln.
„Wir haben Zartbitter-Torte, die ist gut gegen Kummer.“, ihre Augen erinnerten mich an die meiner Oma.
„Oh ja, das wäre nett, davon hätte ich gerne ein großes Stück, mit Sahne und einen Kaffee bitte.“

Sie wuselte zurück zur ihrer Theke auf der die großen Torten standen.
Ich musste grinsen, gut gegen Kummer also. Dann will ich mal hoffen, dass das auch stimmt.
Schon ein paar Minuten später befand sich ein Tortenstück, das die Ausmaße einer viertel Torte und ein großer Becher Kaffee auf meinem kleinen Tisch.
Vorsichtig schaute ich hoch, diesmal stand da kein Arnim im grünen Beatles-Shirt, ich probierte genüsslich den ersten Happen der Torte.
Die Schokolade zerschmolz auf meiner Zunge, es war himmlisch, und gegen Kummer schien es auch zu helfen.
Trotzdem stand ich kurz vor einem Herzstillstand, als plötzlich ein Mann mit Hut das Café betrat, doch es war nicht Arnim, ich wusste nicht ob ich nun erleichtert oder enttäuscht sein sollte.



21.

Freitagnachmittag hatte ich die Hoffnung entgültig aufgegeben, anscheinend war er beleidigt, enttäuscht oder sauer.
Ich wusste es nicht, aber ich wollte mich damit abfinden. Gerade als ich dieses „abfinden“ mit einer DVD und einer Tüte Chips beginnen wollte, klingelte mein Handy.
Es vibrierte auf der Tischplatte meines Couchtisches, dann fiel es zu Boden.
Ich hob es auf und las die SMS, sie war von Pia.
Eine Freundin von ihr hatte sie zu einer Party eingeladen und sie war sich sicher, dass dort jemand hinkommen würde, den sie unbedingt sehen wollte. Und nun sollte ich als moralische Unterstützung mitkommen.
Um acht Uhr sei sie da.
Entnervt stellte ich fest, dass es bereits halb acht war und mir genau 30 Minuten Zeit blieben.
Obwohl ich keine richtige Lust hatte, zog ich mich schnell um, machte mir meiner Haare zurecht und schminkte mich ein wenig.
Um Punkt acht klingelte es.
„Hey Süße, los komm, ich steh im Parkverbot.“
„Ja, ich komm ja schon.“
Pia strahlte und ihre Wangen waren gerötet, sie schien sich auf den Abend zu freuen.
Das sollte ich auch tun, ich hatte keinen Grund Trübsal zu blasen, ich sollte mir einfach nicht so viele Gedanken machen.
Wir eilten zu Pias Auto und fuhren los.

22.

Ich kannte die Freundin, sie hieß Leonie, nur vom Sehen, aber sie war ganz nett und sie hatte eine wunderschöne und große Penthouse Wohnung.
Es gab einen großen Raum, der wohl sonst das Wohnzimmer war und eine geräumige Küche, einen Balkon mit Blick auf Berlin und einen weiteren „Partyraum“.
Pia war schnell verschwunden und ich setzte mich mit einem Longdrink auf eins der 70er Jahre Sofas. Ich kannte fast niemanden hier und bereute immer mehr, dass ich mitgekommen war, doch dann passierte dass, womit ich am wenigsten Gerechnet hatte.
Peter von den Beatsteaks betrat den Raum mit einer Frau an der Hand, hinter ihm ging Arnim, er schien gut gelaunt, begrüße Leonie freundlich und machte sich gleich über das Bier her, das sie ihm anbot.
Ich wollte unsichtbar werden, mich unter dem Sofa verstecken oder im Klo einsperren, aber ich blieb regungslos sitzen und starte ihn an. Noch hatte er mich nicht bemerkt.
Arnim ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, zur Anlage über die Tanzfläche zu den Sofas auf mich.
Für einen kurzen Augenblick ruhte sein Blick auf mir, dann drehte er seinen Kopf weg und redete mit Peter.
Wieder bekam ich Aggressionen Pia gegenüber, wenn sie mich nur hier hin geschleppte hatte, weil sie Peter sehen wollte, würde ich sie erwürgen.
Immer noch hatte ich mich keinen Millimeter bewegt, vielleicht hatte er gar nicht registriert, dass ich es war. Vielleicht würde er mich auch den ganzen Abend ignorieren, vielleicht würde er schnell wieder gehen.
Doch meine Hoffnungen machten sich zunichte, als ich sah wie er mit übertrieben selbstsicherem Blick auf mich zukam.
Ich sah es genau, er hatte gemerkt, dass ich es gesehen hatte, ich hasse solche Situationen, nervös fummelte ich an meinem Ring, schaute in alle Richtungen, nur nicht in seine Augen.
Er kam immer näher, aber auch er schaute mich nicht mehr an, seine Schritte wurden etwas schneler, dann ging er an der Couch, auf der ich saß, vorbei.
Arnim.....
Ich musste mir fast selbst den Mund zu halten, um dies nicht leise hinter ihm her zu flüstern.
Möglichst unauffällig drehte ich mich nach ihm um.
Wo war er hingegangen?
Hatte er nur einen Rückzieher gemacht oder wollte er von Anfang an nicht zu mir?
Ich sah, wie er mit einem Mann redetet, den ich nicht kannte, er lachte, plötzlich schaute er zu mir, direkt in meine Augen.
Ich fühlte wir seine Blicke sich durch meinen Kopf bohren wollten, aber ich ließ es nicht zu und brach den Augenkontakt ab, indem ich aufstand und mich in die Küche begab.
Auf den schwarzen und glänzenden Küchenschränken lagen große Platten mit kalten Snacks, die nach einem sehr, sehr teueren Partyservice aussahen.
Trotz des Anblickes der vielen kleinen Leckereien wollte sich bei mir kein Hunger einstellen und ich nahm mir nur ein Glas Bowle.
Ich lehnte mich an den amerikanischen Kühlschrank und nippte an dem dunkelroten Getränk, niemand außer mir befand sich in diesem Raum, doch das sollte sich schnell ändern.


23.
Gerade als ich die „Ruhe“ genießen wollte, erblickte ich Arnim im Türrahmen, an dem er lässig lehnte und mich anschaute.
„Hey.“
„Hey“, erwiderte ich matt, nun gab es kein Zurück mehr.
Er ging ein paar Schritte auf mich zu, sein Blick richtete sich zu Boden und nervös knibbelte er an dem Etikett seiner Flasche.
Ich ließ meinen Blick nicht von ihm ab, er sah heute wirklich unheimlich gut aus.
„Und wie geht’s dir so?“, endlich sprach er wieder.
„Ganz in Ordnung so weit...und dir?“
Er zögerte einen Moment.
„Ja, auch so.“
Wieder Schweigen.
„Du wolltest dich doch bei mir melden.“, fragte ich sanft, ich wollte ihm nicht zu nahe treten, hielt diese Spannung aber auch nicht länger aus, schließlich war es ja gewisserweise meine Schuld, dass es so gekommen war, auch wenn er sich ja nicht gleich einbilden musste, ich würde ich küssen wollen.
„Wollte ich das?“, jetzt sah er mir direkt in die Augen.
Ich versuchte seinen Blick standhaft zu erwidern.
„Ich dachte schon, weil...weil ich...“, meine Stimme brach ab, er wollte sich gar nicht mehr bei mir melden? Nie wieder?
„Und ich dachte, du würdest bestimmt nichts von mir hören wollen.“, immer noch klang seine Stimme rau und lustlos.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, natürlich wollte ich es, aber ich wollte es auch nicht zugeben.
„Ist schon okay. Wie man sieht, trifft man sich ja auch so mal zwischen durch.“
Er nickte nur betreten.
„Ich geh mal wieder, muss meine Freundin suchen.“
Schnell schob ich mich an ihm vorbei, wieder ließ ich ihn einfach stehen, völlig alleine, aber ich konnte einfach nicht anders, sobald ich es spürte, das ganz leichte, fast nicht merkbare Kribbeln irgendwo in der Bauchgegend und sobald ich sie fühlte, die Sehnsucht, von ihm umarmt zu werden, bekam ich Panik.
Und dann lief ich vor ihm und meinen Gefühlen weg.



24.
Pia stand am anderen Ende des Raumes, sie redete mir einem Mädchen, das ich nicht kannte.
Ich wollte nicht zu ihr, sie würde gleich merken, wie verwirrt ich war und mit jemandem darüber reden, war das letzte, was ich nun wollte.
Also öffnete ich die Balkontür und trat in die eisige Kälte.
Schnell huschte ich zu einem der Heizstrahler und stellte mich ganz nah daneben, sofort fühlte ich einen warmen Luftstrom.
Mein Blick richtete sich zum Himmel, es waren nicht viele Wolken zu sehen, aber auch so gut wie keine Sterne.
Ich stand lange einfach nur da, starrte auf die Stadt, niemand außer mir was so verrückt, sich aus der rauchigen und warmen Wohnung zu begeben und sich auf den Balkon zu stellen.
Ich wusste gar nicht, wie lange ich genau hier stand, aber irgendwann war ich mich sicher, wenn ich mich nicht langsam bewegen würde, fröre ich ein.
Da mir nichts anderes übrig blieb, warf ich noch einen letzten Blick raus in den Himmel, dann ging ich zurück in die Wohnung.
Nun erschien es mir noch stickiger und heißer, ich ließ mich wieder auf eines der Sofas fallen und trank ein weiteres Glas Bowle, weder Arnim noch Pia waren zu sehen.
Wann könnten wir endlich nach Hause fahren?
Wozu hatte Pia mich überhaupt mitgeschleppt, bis jetzt war sie doch den ganzen Abend sehr gut ohne mich ausgekommen.
Ich hatte keine Lust, mich zu den anderen auf die Tanzfläche zu begeben, ich hatte keine Lust, weiter Alkohol in mich rein zu kippen und ich hatte keine Lust mehr, hier zu sitzen.
Warum ging ich nicht einfach nach Hause?
Schließlich stand ich doch auf, es gab immerhin noch einen Raum, in dem ich noch nicht gewesen war.
Langsam ging ich durch den Türrahmen, blieb stehen, schaute mich um.
Hier war es etwas ruhiger, hier waren nur wenige Leute, gleich bemerkte ich, dass irgendetwas an diesem Raum nicht stimmte.
Ich fühlte es, obwohl ich es noch nicht gesehen hatte, noch nicht.
Mein Blick schweifte weiter, plötzlich fühlte ich nur noch ein heißes Rauschen in den Ohren, ein Schmerz, der sich in meiner Brust ausbreitete und ein Bild, das sich in meinen Kopf einbrannte.

25.
Langes dunkelbraunes Haar, das im gedämmten Licht wie Samt über ihre Schultern fiel.
Die Gestalt einer Elfe, ganz zart und geschmeidig.
Augen, dunkel wie die Nacht und trotzdem hell leuchtend wie die Sonne.
Armins Gesicht war an ihrem Hals verborgen, er küsste ihn, seine Hände glitten ihren Rücken rauf und wieder runter, ganz langsam.
Dann hob er den Kopf, küsste sie, lange und intensiv.
Ihre Lippen schienen eins zu sein.
Die beiden wiegten sich im Takt der langsamen Musik, er warf einen Blick zur Seite, dann sah er mich, wie ich verloren am Eingang stand und nicht aufhören konnte, das Paar anzustarren.
In seinen Augen glitzerte es gefährlich, er sah nicht mehr schwach und schüchtern aus, sondern zufrieden, als wäre es eine Genugtuung mich so zu sehen.
Der Moment in dem die Zeit um mich herum anhielt, ging zu Ende, ich nahm wieder Geräusche und Personen wahr.
Ihr langes dunkelbraunes Haar wirkte plötzlich übertrieben glänzend, fast fettig.
Ihr Körper erinnerte mich an eine Magersüchtige und ihre Augen waren stumpf und glasig.
Dann hörte ich ihr Lachen, es war aufgesetzt und schrill.
Wieso merkte er das nicht?
Noch länger würde ich das alles nicht aushalten.
Ich drehte mich abrupt um, ging rasch zur Tür, schnappte mir meine Jacke und meinen Schal von der Garderobe und verließ Leonies Wohnung.
Als die Tür hinter mir zu schlug, fühlte ich die ersten heißen Tränen meine Wangen runter laufen.

26.

Warum weinte ich denn?
Ich will nicht weinen, nicht wegen ihm.
Nicht wegen Arnim!
Warum war ich überhaupt auf ihn eingegangen?
Warum hatte ich mich mit ihm getroffen?
Warum hatte ich ein schlechtes Gewissen gehabt?
Ich war doch tatsächlich fast so weit gegangen mir einzugestehen, dass ich doch mehr wollte, mehr als nur Eislaufen gehen.
Warum tat er mir das an?
Erst tat er so verletzlich und gekränkt und dann suchte er sich doch die nächste Beste aus.
Er hätte doch nur ein bisschen um mich kämpfen müssen, nur ein kleines bisschen.
Wieso hat er nicht gemerkt, dass ich tief in mir vielleicht doch etwas empfunden hätte.
Aber jetzt war es zu spät, niemals wieder würde ich mir ihm reden.
„Es ist zu spät Arnim Teutoburg-Weiß!“
Ich ging immer weiter, ziellos lief ich mitten in der Nacht alleine durch Berlin.
„Scheiße.“, fluchte ich laut, Pia würde sich bestimmt Sorgen machen, wenn sie mich nicht finden würde. Und keiner würde wissen, warum ich plötzlich weg war, außer ihm.
Schnell kramte ich mein Handy aus der Tasche und tippte eine knappe SMS an sie.

Bin schon weg, war langweilig, Anna

Das müsste reichen.
Mir wurde immer kälter und ich musste zugeben, dass ich nicht mehr genau wusste, wo ich mich eigentlich befand.
Auf dem Hinweg war es schon dunkel gewesen und ich hatte nicht mitbekommen, wo Pia uns hingefahren hatte.
Doch zum Glück entdeckte ich eine Tankstelle etwa 100 m von mir entfernt.
Ich öffnete die Tür und betrat den bis auf dem Kassierer leeren Laden.
Ich könnte mir ein Taxi kommen lassen, dann wäre ich schnell zu hause.
Aber was sollte ich denn da?
Im Bett liegen und weiter heulen, über die Misere in die ich mich selbst hinein katapultiert hatte?
Ich zapfte mir einen Coffee-to-go, bezahlte und verließ die Tankstelle wieder.
Nun wusste ich immer noch nicht wo ich war, aber eigentlich war es mir auch völlig egal.
Ich nippte an dem kochendheißen und viel zu bitteren Gebräu, natürlich verbrannte ich mir sofort meine Zunge.
Planlos schritt ich weiter, immer weiter und weiter, meine Füße waren durchnässt, mein Gesicht brannte vor Kälte und meine Finger spürte ich fast nicht mehr, aber alles war mir egal.
Immer und immer wieder sah ich Arnim und diese Frau, wie er sie küsste.
So hätte er mich geküsst, wenn ich nicht wie ein kleines Schulmädchen weggerannt wäre.
Ich hätte in seinen Armen gelegen.
Wieso musste ich immer erst die harte Seite des Lebens spüren, bis ich klar zu meinen Gefühlen stehen konnte?
Wieso musste ich immer so lange warten, bis es zu spät war?
Es war aussichtslos.
Irgendwann, als ich dachte am Osten würden schon die ersten hellen Flecken am Himmel erscheinen, fand ich mich vor einem Hauseingang wieder, der mir sehr bekannt vorkam.
Es war Arnims Tür.


27.
Meine Glieder waren kurz vorm Gefrierbrand, meine Lippen zitterten und meine Zähne schlugen in einem ungleichmäßigen Takt aufeinander, trotzdem ließ ich mich auf die Treppenstufen vor dem Eingang nieder.
Wahrscheinlich war ich vor Kälte nicht mehr ganz bei Sinnen.
Ich kramte mein Handy aus der Tasche und warf einen Blick drauf, es war kurz nach vier.
Ich blickte die verlassende Straße entlang, es war alles still.
An der Hauswand lehnend überkam mich plötzlich die Müdigkeit, ich schloss für einen ganz kurzen Moment meine Augen, genoss das wohlige Gefühl von Schläfrigkeit, das langsam durch meine Beine in meinen Bauch bis hin zu meinem Kopf kroch.
„Was ist das denn für eine?“
„Ich weiß nicht.“
„Hey! Hallo! Kannst du mich hören?“
Stimmen unterbrachen meine wirren Träume, ich fühlte wie jemand an meine Schulter fasste und mich schüttelte.
Die Augen zu öffnen war nicht einfach, verwirrt schaute ich in die Gesichter zweier Menschen.
Ich nahm nicht war, wer sie waren, ich fühlte nur Schmerzen am ganzen Körper, dann realisierte ich langsam wo ich war.
Auf einer Straße, um genau zu seien, an einer Straße, auf den Treppen eines Hauseinganges.
Nun erkannte ich Arnims Stimme.
„Das ist nur ein Fan, ich hab sie schon öfters hier erwischt.“
Ich hörte alles, sah wie er sein Handy rauskramte, kurz telefonierte, dann sagte er zu der Braunhaarigen:
„Ich hab ihr ein Taxi gerufen, geh du schon mal hoch, ich komme gleich nach.“
Er drückte ihr seinen Schlüssel in die Hand, doch sie schaute ihn etwas skeptisch an.
„Die kommt mir so bekannt vor...“
Ich wollte etwas sagen, wollte ausspringen und los schreien.
„Nein bestimmt nicht.“, murmelte Arnim.
„Doch, doch...ich war auch auf der Party.“, flüsterte ich leise.
Doch die andere Frau hörte mich nicht, sie schloss die Tür auf und ging in den Hauflur.
Dann war sie verschwunden.
Arnim setzte sich neben mich, er zündete sich eine Zigarette an und zog ungeduldig an ihr.
Ich konnte immer noch nichts sagen, wollte vielleicht auch nicht, zu groß war der Schmerz, als ich wirklich wahr nahm, was gerade passiert war.
Ich war vor seiner Tür eingeschlafen, mitten in der Nacht, wollte auf ihn warten, hatte gehofft, dann würde alles gut werden.
Aber nichts wurde gut, er hatte mich gefunden, aber leider verlief nichts so, wie ich es wollte.
Was wollte ich denn überhaupt?
Was hatte ich denn erwartet?
Das hier war schließlich das echte Leben und nicht irgendein Kitschroman.
Er war natürlich nicht alleine gekommen, sondern mit ihr.
„Warum tust du mir das an?“, flüsterte ich leise.
„Ich, was habe ich dir denn angetan?“, er schaute mich bitter an.
Ich sagte nichts.
„Dein Taxi ist da.“
Er stand auf und reichte mir seine Hand.
Zum ersten Mal seit fast einer Woche berührte ich seine Haut, diese Wärme, die von ihm ausstrahlte hinterließ ein leichtes Kribbeln.
Aber ich wischte es weg, denn ich wollte es nicht mehr haben. Nie wieder wenn er mich berührte, wollte ich es fühlen.
Nie wieder sollte er mich berühren.
Ich schaute hoch zum Fenster, dort oben war sein Schlafzimmer, es war schon hell erleuchtet und die Brünette stand im BH an der Balkontür und blickte hämisch grinsend auf mich herab.
Arnim öffnete die Autotür und ich stieg ein, dann schlug er sie zu.
Ich schaute ihm noch einmal in seine grau-blauen Augen.
Seine Lippen formten das Wort: Tschüss.
Dann drehte er sich um.



28.
Ich wusste nicht mehr, wie ich ins Bett gekommen war, der Rest der Taxifahrt war in einem Tränenschleier untergegangen.
Immer wieder sah ich ihn und diese Frau.
Ich wollte mir nicht vorstellen, was die beiden nun machen würde, was passieren würde, wenn er in seine Wohnung kam.
Trotzdem waren meine Träume beherrscht von Bildern von ihm und leider auch von ihr.
Immer wieder sah ich die beiden vor mir, wie seine Lippen sanft ihren Hals berührten, wie er sie so zärtlich küsste und wie er mich dann so kalt anschaute.
Als ich am nächsten Tag wach wurde, war es schon nach Mittag.
Ich stand unwillig auf und ging ins Bad, dann stellte ich mich unter die heiße Dusche.
Der Wasserstrahl prasselte beruhigend auf mich herunter, warmer Dampf stieg auf und ich versuchte meine Gedanken auf schöne Dinge wie Urlaub, Beatles und heiße Schokolade zu konzentrieren, aber es war einfach zwecklos.
Ich konnte, wollte ihn jetzt einfach nicht aus meinem Kopf verbannen.
Was war nur los mit mir, seit wann gab ich mich so schnell geschlagen?
Jetzt, wo ich endlich zu meinen Gefühlen stand, sie endlich zu akzeptieren versuchte, sollte ich nicht anfangen, sie zu unterdrücken.
Du musst mit ihm reden.
Ein letztes Fünkchen Hoffnung betete zum Himmel, dass er diese Frau nach hause geschickt hatte oder wenigstens nie wieder in seine Wohnung einladen würde.
Ich spülte die letzten Schaumreste aus meinen Haaren und stieg aus der Dusche, dann föhnte ich mich ausgiebig, verwöhnte meine Haut mit duftender Bodylotion und zog mir etwas Frisches an.
Schnell trank ich einen Kaffee, mehr bekam ich bei der Aufregung, die sich in meinem Magen anstaute, nicht runter.
Ich hatte mir fest vorgenommen jetzt sofort und auf der Stelle, ohne langes Überlegen zu ihm zu fahren.
Denn ich wusste genau, je länger ich warten würde, desto wahrscheinlicher war die Tatsache, dass ich ihn für immer verloren hatte.



29.
Nervös stand ich vor seiner Tür, die untere Eingangstür war offen gewesen, nun stand ich da, im Flur.
Vor mir standen auf einer Fußmatte ein Paar alte Chucks.
Sonst standen da keine Schuhe, war das ein gutes Zeichen?
Was wäre, wenn die Brünette noch da ist?
Es wäre so peinlich.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch an der Tür hinter mir, ich ahnte, dass jemand durch den Spion in der Tür schaute.
Dann klickte ein Türschloss.
„Hallo junge Frau!“
Ich drehte mich um, ihre Stimme kam mir sofort bekannt vor.
Hinter mir stand die alte Frau, die im „Schokostübchen“ immer die großen Tortenstücke zu meinem Tisch schleppte.
„Hallo.“
„Wenn Sie auf ihren Freund warten, müssen Sie sich noch ein bisschen gedulden, der ist vor zehn Minuten gegangen.“
Ich schaute sie enttäuscht an.
„Oh, dann gehe ich wohl besser wieder.“
Sie schaute mich mitleidig an, trotz meiner Schminkkünste war deutlich zu sehen, wie verquollen meine Augen waren.
„Ich habe einen Ersatzschlüssen“, ich hörte wie ein Schlüsselbund klimperte, dann kam sie aus ihrer Wohnung und schloss mir die Tür zu Arnims auf.
„Danke schön, dass ist wirklich unglaublich nett von ihnen, sie glauben gar nicht wie mir damit geholfen ist.“
Ich lächelte die „Gute Fee“ freundlich an.
Dann betrat ich sein Reich, ich fühlte mich gleich noch nervöser, aber auch prickelnd vor Aufregung.
Leise zog ich dir Tür hinter mir zu, als erstes schlich ich zum Schlafzimmer.
Vielleicht lag sie noch im Bett und er war nur schnell Brötchen holen gegangen.
Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt, langsam öffnete ich sie, schaute vorsichtig in den abgedunkelten Raum, in den nur ein wenig Licht durch die Jalousie herein schien.
Der Raum war von ihm erfüllt, ihr spürte ihn und ich roch ihn.
Schließlich konnte ich dem Gedanken einfach nicht wiederstehen, ging auf das Bett zu und setzte mich vorsichtig, fast als ob es zerbrechlich wäre, auf die Bettkante.
Ich hob sein Kissen hoch und drückte es an mich.
Für einen Moment blieb ich einfach so sitzen und hoffte still, dass dies nicht das letzte Mal sein würde, dass ich auf seinem Bett saß.
Dann erhob ich mich.
Verließ das Schlafzimmer.
Meine Gedankenwelt spielte verrückt, aber ich unterdrückte mein Gewissen, das abermals versuchte, mir einzureden, einfach wieder zu gehen.
Was machte Arnim wohl gerade?
Wie würde er reagieren, wenn er mich sehen würde?
Nachdem ich ein paar Minuten unentschlossen im Flur stehen geblieben war, beschloss ich eine Kanne Kaffee zu kochen und einfach abzuwarten.
Auf dem Tisch lag die Tageszeitung von gestern, ich schnappte sie mir und begann zu lesen.

Als ich fast meine dritte Tasse Kaffee alle hatte und gerade die vorletzte Seite der Zeitung studierte, hörte ich einen Schlüssel im Türschloss.
Mein Inneres zog sich schmerzhaft zusammen, was wäre, wenn er mich sofort rausschmiss?
Schnell faltete ich die Zeitung zusammen und blickte gebannt zum Flur.
Ich hörte das Knistern von Plastiktüten, dann ein erstauntes Geräusch, wie ein scharfer Atemzug.
Nur noch ein paar Sekunden trennten uns, dann stand Arnim in der Tür zur Küche, er blickte mich erstaunt an.


30.

„Anna?! Was...Was machst du hier?“
Er stand immer noch bewegungslos in der Tür, in der rechten Hand eine Plastiktüte, mit der Linken stützte er sich im Türrahmen ab.
„Hey..“
Ich wusste nicht so recht was ich sagen sollte, außerdem war ich von seinem Anblick überwältigt, seine Augen leuchteten, er schien zwischen Freude und völliger Verwirrtheit zu schwanken und doch lächelte er.
„Ich muss mit dir reden wegen gestern und so...“
Langsam ging er auf mich zu, zog sich einen Stuhl unter dem Tisch weg und setzte sich zu mir.
„Na dann fang mal an.“
Das überhebliche Grinsen, das nun auf seinen Lippen lag, machte mich wahnsinnig, für einen kurzen Moment wollte ich ausrasten, ihm sagen. was für ein Arsch er war, aber dann besann ich mich, schließlich war ich es gewesen, die ihn abgewiesen hatte.
Ich schluckte.
„Weißt du, Arnim, angefangen hat es eigentlich damit, dass ich zu eurem Konzert musste, weil Pia nicht alleine gehen wollte. Und dann hast du mir deine Telefonnummer gegeben, die ich nicht haben wollte, Pia hat ein Date angeragiert, was ich nicht haben wollten…und trotzdem wir haben uns gut verstanden...“
„Haben wir das, Anna?“
„Ja, haben wir. Ich fand es schön mit dir, ich fand das Essen toll und auch das Eislaufen.“
Was sollte das denn jetzt?
„Das Eislaufen, oder das Eislaufen mit MIR?“, hakte Arnim skeptisch nach.
Ich trank einen weiteren Schluck Kaffee.
„Alles...“, murmelte ich kleinlaut, „Nur...“, da waren sie wieder, diese Zweifel.
„Nur was?“
Ich schaute ihn an.
„Nur du hast es mir nicht gezeigt?“, er sprach nicht laut und auch nicht aggressiv, aber irgendwie traurig. Fast verzweifelt fuhr er sich mit seiner Hand durch die Haare, nun standen sie noch wilder von seinem Kopf ab.
„Ich konnte einfach nicht, ich war mich nicht sicher, was ich wollte.“
Er öffnete seinen Mund, dann schloss er ihn wieder, unentschlossen biss er sich auf die Unterlippe.
Ich blieb wieder an seinen Lippen hängen, sie hatten mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.
„Aber, dann...dann hättest du etwas sagen sollen und nicht wegrennen wie ein kleines Mädchen. Weißt du eigentlich, wie schlecht ich mich nach diesem Abend fühlte? Ich habe mir die ganze Zeit Gedanken gemacht. Ob ich etwas falsch gemacht hatte, oder so.“
Ich atmete tief durch.
„Es tut mir Leid, ich weiß, dass das nicht richtig war, aber du hättest nicht gestern aus Rache einfach eine von den Tussis abschleppen müssen!“, ich wurde lauter, ich fühlte mich im Unrecht. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt, aber er konnte mir nicht die ganze Schuld in die Schuhe schieben.
„Ach komm, da war doch gar nichts.“, verteidigte Arnim sich, „Außerdem geht’s jetzt darum, was du mir sagen wolltest!“
„Wie, da war nichts, dass nennst du nichts? Und ich habe dir alles gesagt, was zu sagen ist.“
Hatte ich das? War da nicht noch was?
Ich war aufgestanden und lief wie eine aufgescheuchte Katze durch die Küche.
Er saß am Tisch, sah klein und hilflos aus, nicht wie sonst.
„Mein Gott, was hätte ich denn machen sollen? Du hast mir gestern doch signalisiert, dass du nicht an mir interessiert bist und ein paar Stunden später sitzt du bei mir vor der Haustür. Völlig fertig und halb eingefroren, für wen hältst du mich? Ich habe sie sofort rausgeschmissen, als ich oben war, meinst du ich konnte noch an etwas anderes denken als an dich? Und jetzt bist du wieder hier, ich mache mir Hoffnungen, und dann erzählst du mir nur, dass du nicht wusstest, was du willst und...“, er brach ab.
Ich stand wieder still, schaute ihn die ganze Zeit an, ich wusste, dass ich im Unrecht war, dass mein endloser Stolz mich wieder in Sachen rein dirigierte, die ich so gar nicht wollte.
Ich wollte mich nicht mit Arnim streiten, ich wollte ihm nicht nur sagen, dass es mir Leid täte.
Ich wollte ihm sagen, wie sehr ich mich nach seinen Lippen sehnte, wie gerne ich ihn küssen würde.


31.

Er war aufgestanden, ging an mir vorbei ins Wohnzimmer, dann auf den Balkon.
Ich schaltete meinen Verstand ab, mir war ab jetzt egal, was und wie oft er es mir sagte, ich wusste jetzt oder nie.
Ich hatte es geschafft bis zu dieser Wohnung zu kommen, das Schicksal hatte mir eine Gute Fee geschickt, ich hatte mit ihm geredet, mich entschuldigt, nun fehlte nur noch der letzte Schritt.
Der Schritt, den mein Herz so sehr wollte und den mein Verstand so sehr ablehnte.
Ich ging langsam, fast wie in Zeitlupe hinter ihm her.
Folgte ihm bis auf dem Balkon.
Arnim schaute mich an.
Diese Lippen.....
Ich stellte mich ganz dicht zu ihm, so nah, dass ich seine Wärme spüren konnte.
Wieder standen wir bei Eiseskälte auf dem Balkon, wie beim ersten Mal als ich hier war.
Er war größer als ich, also legte ich meine Hände in seinen Nacken, stellte mich auf Zehenspitzen.
Das Kribbeln in meinem Bauch war fast unerträglich, ich fühlte, wie es sich in mir ausbreitete.
Dann konnte ich Arnims Atem fühlen, ganz nah, nur noch Millimeter trennten unsere Lippen von einander.
Obwohl ich seine Lippen noch nie auf meinen gespürte hatte, war es als würde ich sie genau kennen, aber sie fühlten sich noch weicher und besser an, als in meinen verstecken Träumen.
Er legte seine Hände auf meine Hüfte, strich ganz sanft mit seinem Daumen meinen Rücken.
Unser Kuss war zärtlich, da war noch nichts forderndes, nur Sanftheit und Glück endlich die Lippen des anderen entdecken zu können.
Langsam löste ich mich von ihm, ich trat einen Schritt zurück, schaute ihn an.
Ich musste erst realisieren was gerade passiert war, ich wartete darauf schweißgebadet aufzuwachen.
Eins paar Sekunden verstrichen, doch ich wurde nicht wach.
„Ist irgendwas?“, fragte Arnim mich etwas verunsichert.
„Nein.“, sagte ich schnell, „Ich musste nur an was denken...schon okay“, ich lächelte und zog ihn an der Hand in die Wohnung,
Hier draußen wurde es eindeutig zu kalt.

32.

Erst spät nachmittags machte ich mich auf den Weg nach hause, ich war glücklich und ein warmes Gefühl hatte sich in meinem Bauch breit gemacht.
Ich starrte zum Himmel, wieder fielen kleine Flöckchen zur Erde, doch es macht mir nichts aus, ich liebte den Schnee und heute liebte ich ihn noch viel mehr.
Heute liebte ich alles.
Ich war einfach nur glücklich, wir hatten uns für den nächsten Tag im Schokostübchen verabredet, damit wir endlich zusammen einen Schokokuchen essen konnten, bis jetzt war immer etwas dazwischen gekommen.
Meine Gedanken drifteten ab, ich musste an seine Augen denken und an seine Lippen.
Wie oft hatte ich von seinen Lippen geträumt und endlich durfte ich sie auch berühren, schmecken, endlich hatte ich seine Wärme für mich.
Die letzte Nacht in der ich zitternd vor seiner Tür gesessen hatte kam mir so lange her vor, als wäre es nicht vor ein Paar Stunden, sondern vor Wochen oder Monaten passiert.
Er hatte die braunhaarige Zicke weg geschickt. Er hatte sie abgeschoben, nachdem er mich gesehen hatte.
Ich grinste.
Schnell schaute ich auf meine Uhr, zwar kroch mir die Kälte schon in die Füße, trotzdem wollte ich noch bei Pia vorbei schauen.
Es war typisch für mich, ich hatte einfach den Drang meine gute Laune mit jemanden zu teilen, wenn ich schlechte Laune hatte, war das ganz anders, dann schwieg ich in mich rein und wollte niemanden sehen oder hören.
Ich legte einen Schritt zu und bog um die nächste Ecke, schnell lief ich eine Abkürzung quer durch einen kleinen Hinterhof und dann durch einen Garten, schon stand ich in Pias Straße.
Hoffentlich war sie da!
Aus ihrem Wohnzimmerfenster schien Licht.
Seit gestern hatten wir noch nichts von einander gehört, ich wusste nicht ob die Party für sie erfolgreich gewesen war, schließlich hatte sie einen ganz bestimmten Grund gehabt auf diese Party zu gehen.
Plötzlich stand Pia am Fenster, als sie mich gesehen hatte, winkte sie mir fröhlich zu.
Schnell ging ich zur Tür, schon hörte ich das summende Geräusch und drückte die Tür auf, endlich wieder etwas Wärme.
Ich sprang die Stufen zu Pias Tür hoch.
„Hallo“, sagte ich und umarmte sie.
„Hi! Komm rein, was verschafft mir die Ehre?“
Ich machte die Tür hinter mir zu und schlüpfte aus meiner dicken Jacke.
„Ich wollt mal hören, wie es gestern Abend noch so war.“
„Willst du auch einen Tee?“
„Klar gerne“
Ich folgte ihr in die Küche und ließ mich auf einem Stuhl nieder,
„Und?“
Sie drehte sich um und lächelte mich geheimnisvoll an.
„Warte erst muss ich dich noch was fragen, du warst doch nicht wegen Peter da? Oder?“
Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Neeein...ich wusste ja nicht mal, dass er auch kommen würde. Und Arnim...“
„Na ja, dann leg mal los.“, grinste ich.
Sie stellte eine dampfende Tasse schwarzen Tee auf den Tisch und zog die Schultern hoch.
„Also gut, ich wollte schon wegen Peter, also na ja...nicht so wie du jetzt denkst.“
Ich schaute die eindringlich an.
„Ich wusste nicht, ob er wirklich kommen würde, ich hatte es nur vermutet, aber das mit Arnim wusste ich wirklich nicht und ich wollte auch nicht wegen denen hin, sondern wegen Flo, das ist Leonies Bruder.“, ratterte sie runter. „Aber wieso warst du denn so schnell wieder weg?“
Ich trank einen Schluck.
„Weil ich eine nicht so erfreuliche Begegnung mit Arnim hatte, in meinem Frust hab ich mich dann fast umgebracht, also nicht ganz, aber ich wäre bestimmt bald an einem Kältetod gestorben, aber heute hatte alles ein Happy End“, fasste ich kurz zusammen.
Es war klar, dass Pia kein Wort verstand, von dem was ich sagte.
Also begann ich zu erzählen, alles, den ganzen Abend, das Gespräch in der Küche und auch die Vorgeschichte.
Als ich endlich fertig war, schaute Pia mich gebannt an.
„Und nun seid ihr zusammen?“
„Ich…ich weiß nicht, aber ich denke schon...also...JA!“
Sie lächelte mich versonnen an und da ich sie kannte, wusste ich, dass auch ein kleines bisschen Siegesgefühl in ihr war.
„Nun schau doch nicht so, ich weiß, du bist an allem Schuld! Danke, danke, danke!“


33.

Die nächsten zwei Wochen vergingen unglaublich schnell, nun war es schon Anfang Dezember, es wurde weihnachtlich in Berlin und auch in meiner Wohnung.
Rote Lämpchen schmückten mein Wohnzimmer und alles duftete nach Mandarinen und Nüssen. Arnim wollte heute Abend zu mir kommen, ich war aufgeregt, obwohl ich keinen Grund dazu hatte.
Na ja, eigentlich schon.
Bis jetzt waren wir immer zusammen weg gewesen, oder hatten nur bei einem von uns gegessen und waren dann noch los gezogen, doch heute hatte ich ihn nur zu einem Essen eingeladen, für später stand nichts an, jedenfalls nichts Offizielles.
Schon den ganzen Tag lag eine gewisse Spannung auf mir, ich hatte es schon heute Morgen gemerkt und mich in zarte, schwarze Spitzenunterwäsche gehüllt.
Mein Bein zuckte nervös und ich wartete ungeduldig auf Arnim.
Endlich hörte ich das fast erlösende Klingeln an meiner Tür.
Noch bevor ich er mir Hallo sagen konnte, hatte ich meine Lippen schon auf seine gedrückt.
„Hey, hey, hey?“, rief er überrascht, als ich ihn endlich zu Wort kommen ließ.
Ich lächelte nur.
„Hast du mir Nudeln gekocht, Kleines?“
„Ja, Elchnudeln von Ikea, die sind so toll.“
Er zog meine Hand hoch und küsste meine Finger.
„Dann lass uns das Essen ganz schnell hinter uns bringen.“, murmelte er, und dann noch etwas unverständliches, was sich wie „...um zu anderen Dingen zu kommen...“, anhörte.
Schließlich ließen wir uns beim Essen aber doch Zeit, ich genoss den Wein und die Nudeln und ich genoss seinen Anblick.
Wir redeten nicht viel, sondern waren mehr mit unseren Gedanken beschäftigt.
Als ich aufgestanden war, um die Spülmaschine einzuräumen, hörte ich, wie ein Stuhl zurück geschoben wurde, dann fühlte ich seine Hände an meinen Hüften.
Ich drehte mich um und ließ mich küssen, Arnims Hände rutschten unter mein Shirt und suchten sich einen Weg zu meinem Bauchnabel.
Sanft aber entschlossen dirigierte er mich in mein Schlafzimmer und drückte mich mit zärtlicher Gewalt aufs Bett, ich legte meine Hände in seinen Nacken und streichelte ihm durch die wirren Haare, ich wuschelte in seinen Löckchen im Nacken und küsste ihn immer und immer wieder zärtlich auf den Mund.
Seine Hände fuhren an meine Seiten hoch und er zog mir mein Oberteil aus, ließ seine Lippen über meinen Bauch wandern.
„...hey baby, ich bin dein größter Fan...“, summte er plötzlich ein Lied, welches ich kannte, aber im Rausch der Gefühlte wollte mir nicht einfallen, von wem es war.
Viele Küsse später, lagen wir schließlich beide nackt in meinem Bett, ich ließ sehnsüchtig meinen Blick über seinen Körper wandern, strich zärtlich über seinen Rücken, er beugte sich über mich und knabberte an meiner Brust, seine Hand wanderte zu meinem Oberschenkel.
Was danach geschah, war nicht mehr in Worte zu fassen.

Ende









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