Kirsch-Amaretto

[ John Lennon geht weiter...]

Es war fast dunkel in ihrem kleinen Wohnzimmer, nur eine kleine Lampe im Flur brannte noch und warf einen Lichtschein hinein.
Sie saß auf ihrem lilafarbenen Sofa und war eingenickt.
Zu ihren Füßen saß John Lennon und schnurrte leise vor sich hin.

1. (Mittwochabend)

Ich riss erschrocken die Augen auf, nun war ich schon zum zweiten Mal eingenickt und durch wirre Träume wieder aufgewacht.
Müde schaute ich mich um, alles in der Wohnung war still und Arnim war noch immer nicht da.
Seufzend rollte ich die Sofadecke zusammen und stand leise auf, ich schlich ins Schlafzimmer und kuschelte mich ein mein Bett.
Etwas traurig fuhr meine Hand über die leere und kalte Matratzenhälfte neben mir, doch dann drehte ich mich mit dem Rücken zu Tür und schlummerte langsam ein.

Irgendwann später hörte ich wie die Tür unten im Treppenhaus zuschlug, dann den Schlüssel, der in das Schloss meiner Wohnungstür gesteckt wurde, es knackte und die Tür wurde ein paar Sekunden später wieder geschlossen.
Ich machte meine Augen auf und drehte mich auf den Rücken, warf einen Blick zur Tür, machte meine Augen dann doch wieder zu und gab ruhige, leise Atemzüge von mir.
Arnim betrat das Zimmer, er roch nach Bier und nach Zigarettenrauch, seine Gürtelschnalle gab ein lautes knackendes Geräusch von sich, als er sie öffnete, ich hörte die Jeans auf den Boden rutschen und dann das Rascheln seines T-Shirts.
Er ging ums Bett herum und schlug die Bettdecke zurück, dann schlurfte er noch einmal zum Fenster und machte es weiter auf.
Schließlich spürte ich wie ich auf der Matratze leicht angehoben wurde, als er sich ins Bett legte.
Ein paar Minuten hörte ich nur seine immer ruhiger werdenden Atemzüge, als ich dachte er würde einschlafen öffnete ich die Augen wieder.

„Ich wusste doch, dass du noch wach bist.“
Er rutschte näher an mich ran und küsste mich schnell auf die Lippen.
„Wo warst du so lange?“, fragte ich mit leiser Stimme.
„Bei der Probe, weißt du doch, Kleines.“, flüsterte er mir ins Ohr und kuschelte sich an meine Schulter.

Ich war zu müde um weitere Fragen zu stellen und nahm es die vierte, oder war es schon die fünfte, Nacht so hin, wie er es gesagt hatte.
Mit wirren Gedanken und seiner Hand auf meinem Bauch schlief ich schließlich ein, doch ich hatte eine unruhige und wenig erholsame Nacht.


2. (Donnerstagmorgen)

Der Wecker riss mich aus meinen Träumen, ich streckte meinen Arm aus und tastete mit meiner rechten Hand über den Nachtisch bis ich ihn erreicht hatte und endlich abstellen konnte.
Arnim murmelte etwas Unverständliches neben mir und drehte sich mit dem Gesicht ins Kissen.
Ich gähnte herzhaft, dann schlug ich meine Decke zurück und setzt mich auf die Bettkante, grade als ich aufstehen wollte packte er mich am Handgelenk und zog mich zurück zu sich.
„Es ist viel zu früh zum aufstehen.“, sagte er mit heiserer Stimme.
„Aber ich muss in den Laden.“, widersprach ich und versuchte meine Handgelenk aus seinem Griff zu befreien.
Obwohl Semesterferien waren hatte ich mir einen kleinen Job gesucht, bei dem ich zwei Mal die Woche in einem kleinen Kiosk zwei Straßen weiter aushalf.
„Ach die können doch noch warten“, er zog an meiner Schlafanzughose und ich plumpste zurück ins Bett, seine Hände schlangen sich um meinen Bauch und er zog sich langsam an mir hoch.
„Arnim!“
„Anna.“, seufzte er mir ins Ohr und ich spürte seine Bartstoppel an meiner Schulter. Seine rauen Lippen drückten sich auf meinen Hals und wanderten dann weiter auf meine Schulter, meinen Arm herab bis zu der innen Seite meines Ellenbogens.
Ich ließ mich langsam nach hinten in seine Arme fallen.
„Du weißt doch, dass ich aufstehen muss.“
„Aber es sind Ferien, ich will schließlich auch mal was von dir haben.“
Ich seufzte, wer war denn ständig bis in die Puppen beim Proben?
„Heute Abend kochen wir, ja?“
Seine Lippen lösten sich und er ließ mich los, „Du weißt doch, dass ich…“
„Ins Studio oder in den Proberaum oder zu Peter oder sonst wo hin muss. Ja weiß ich!“, unterbrach ich ihn abrupt.
Schnell stand ich auf und ging ins Badezimmer, mit einem lauten Knall flog die Tür hinter mir zu. Wieso waren seine Pflichten wichtiger als meine?
„Anna!!“, schrie Arnim mir hinter her.
Sauer begann ich meine Zähen zu putzen, manchmal trieb er mich in den Wahnsinn. Wieso musste ich jeden Abend verstehen, dass er nicht da war, dass er quasi Arbeiten ging und wieso konnte er mich nicht verstehen?
Ja, er hatte mir gesagt, dass ich nicht in den Ferien auch noch arbeiten müsste, dass wir auch so gut durch kommen würden, aber das wollte ich nicht.
Ich kämmte meine Haare, sprühte ein wenig Haarspray rein, tuschte mir schnell die Wimpern und schlüpfte in meine Sachen, die noch von gestern über dem Badewannenrand hingen.
Als ich die Badezimmertür aufschloss lag Arnim immer noch im Bett, ich seufzte, schnappte mir meine Tasche, den Schlüssel und etwas Geld und verließ die Wohnung ohne ein weiteres Wort.
Schlecht gelaunt lief ich die Treppen herunter, ohne Rücksicht auf die kleine Annika zu nehmen, die ein Stockwerk tiefer wohnte und gerade die Treppen hoch ging.
„Guten Morgen Anna.“, rief sie mir fröhlich entgegen, doch ich grummelte nur etwas vor mich hin und lief an ihr vorbei.

Wenn ich nach hause kommen würde, wäre es schon 5 Uhr nachmittags, wahrscheinlich wäre Arnim dann schon weg und es wäre ein weiterer Tag, an dem ich nichts von ihm gehabt hätte, und das, wo er doch nun schon seit zwei Wochen bei mir schlief.
Ich setzte meine Sonnenbrille auf, als ich die Straße betrat und ging schnell zu dem kleinen Kiosk, in der Hoffnung, dass mich die Arbeit mich ein wenig ablenken würde.


3.(Donnerstagabend)

Es war kurz vor fünf, als ich den Laden abschloss und mich auf den Weg nach Hause machte, die Sonne stand immer noch hoch am Himmel und es war ziemlich warm.
Meine Ponysträhnen hingen mir schlapp ins Gesicht und meine Wimperntusche war verschmiert, heute hatte die Klimaanlage nicht funktioniert und es war unerträglich stickig im Kiosk gewesen.
Nach 15 Minuten Fußweg erreichte ich meine Wohnung, ich fragte mich ob Arnim wohl noch da war, vielleicht würde er heute ja mal vor 2 oder 3 Uhr nachts nach Hause kommen, doch ich konnte es selber nicht glauben.

Als ich die Wohnung betrat war alles still, das Bett war nicht gemacht und John Lennon saß miauend auf dem kaputten Holzstuhl neben der Garderobe.
„Hast du Hunger?“, ich streichelte im vorbeigehen unter seinem Kinn her.
Er schnurrte und sprang vom Stuhl, dann lief er in die Küche vor und wartete in seinem Fressnapf auf mich.
„Wenigstens du willst noch mit mir essen…“, murmelte ich.
Ich legte meine Tasche ab und wusch mir schnell die Hände, dann suchte ich eine Dose Katzenfutter auf dem Schrank und füllte das Putengoulasch in Aspik in John Lennons Fressnapf, fröhlich schmatzend machte er sich über das Essen her.
Ich schaute in den Kühlschrank und stellte fest, dass Arnim nicht mal einkaufen gegangen war, erbost knallte ich die Tür zu, langte erneut nach meine Tasche und sagte zu meinem verdutzen Kater: „Ich muss schließlich auch irgendwann essen!“, dann knallte ich die nächste Tür hinter mir zu.

Schnell fuhr ich zum nächsten Lebensmittelgeschäft, ich wollte jetzt einen großen Becher Eis und Pizza.
Im Laden war es angenehm kühl und ich hielt mich einen Moment zwischen den Kühltruhen auf, bis ich mich für 1000g Becher Sahneeis entschieden hatte.
Außerdem griff ich mir eine XXL Salami Pizza.
Erst wollte ich schon zur Kasse gehen, doch dann beschloss ich, dass ich, wenn ich nun schon hier war, auch richtig einkaufen könnte, also schob ich meinen Wagen zu der Gemüseecke und suchte Salat, Gurken und Tomaten auf dem Regal.
Ich griff mir außerdem ein paar lose Äpfel und ging damit zur Waage, um mir eins von den kleinen Klebeschildchen zu holen.
Vor mir stand ein Typ in einer schwarzen Kordjacke, er hatte längere Haare und drehte sich zu mir um. Als unsere Blicke sich trafen, grinste er mich an.
Er hatte blaue Augen, die ein bisschen glasig wirken, seine Haare fielen ihm ins Gesicht, in der rechten Augenbraue hatte er ein Piercing und ebenso in der Unterlippe.
„Bin gleich fertig.“, hörte ich ihn sagen.
„Ja, ja keine Eile.“
Er band die letzte Plastiktüte zu, drehte sich zu seinem Einkaufwagen, bevor er ging lächelte er mich noch einmal an.

Als ich schließlich wieder zu Hause war, auf meinem Sofa saß und ein altes Video guckte, während ich mich mit Pizza und Eis voll stopfte, ging mir dieses Lächeln immer noch nicht aus dem Kopf, irgendetwas hatte mich an diesem Typen fasziniert.

Die Pizza alle war und ich verfrachtete den Rest Eis ins Gefrierfach, dann legte ich mich ins Bett, ich hatte keine Lust wieder ewig auf zu bleiben und zu warten, ich wusste eh, dass er irgendwann kommen würde.


4. (Freitagmorgen)

Die Sonne schien warm in mein Zimmer, als ich am nächsten Morgen um halb zehn wach wurde.
Ich räkelte mich gemütlich und drehte mich zur Seite, meine Hand fuhr unter meine Decke weg hin zur der anderen, ich suchte Arnims Hand.
Doch schnell wurde mir klar, dass ich hier nichts finden würde.
Erschrocken schlug ich die Augen auf, das Bett neben mir war leer.
Noch halb blind tappte ich in den Flur und suchte das Telefon, ich tippte schnell die Nummern vom Proberaum ein. Ich ließ es ewig klingeln aber niemand nahm ab.
Dann wählte ich Arnims Hausnummer.
Es tutete ein Mal, dann zwei Mal.
Nach einer halben Minute nahm er mit einem heiseren „Ja?“ ab.
„Arnim?“
„Was ist denn los Anna?“, sagte er langsam, gequält und wenn ich drüber nachdachte vielleicht sogar etwas zu genervt.
Ich atmete tief durch.
„Ich…ich habe mich nur gewundert, dass du nicht nach hause gekommen bist, aber eigentlich ist es auch egal, du scheinst dir ja nicht die geringsten Gedanken um mich zu machen, oder was ich fühle und wie es mir geht. Also…es wäre schön, wenn du dich mal wieder melden würdest, wenn du Zeit dafür hast.“
„Anna, es ist noch so früh am morgen und ich…ich versteh einfach nicht, was los ist…“
Das war definitiv das Falsche.
„Tschüss.“, dann legte ich auf.

Es war klar, dass ein Tag, der so begonnen hatte, niemals gut weiter gehen konnte, so stellte ich fest, dass ich gestern vergessen hatte, neue Kaffepads für meinen Kaffeeautomaten zu kaufen und da ich auch keine anderen koffeinhaltigen Getränke mehr im Haus hatte, und Koffein neben Alkohol das einzige war, was mein Körper im Moment verlangte, schlüpfte ich nur schnell in ein paar Klamotten und machte mich auf zum Kiosk, an dem ich sonst arbeitete.

„Anna? Was machst du denn hier?“, begrüße mich Herr Schmidt, der in seinem üblichen grauen Kittel hinter dem Tresen stand.
„Ich wollte mir nur schnell so einen Kaffee aus der Dose kaufen, hab nichts Koffeinhaltiges mehr im Haus.“, sagte ich lahm und ging auf das Kühlfach mit den Getränken zu.
Ein paar Minuten schaute ich mir die verschiedenen Dosen an, da ich mich nicht zwischen „Cream Cafe“, „African Feeling“ und „Dark“ entscheiden konnte, griff ich mir von jeder Sorte eine Dose und ging damit zu Herrn Schmidt zurück.
„Sonst noch etwas?“, fragte er freundlich.
„Nein danke.“ , ich legte ihm das Geld in die Hand, „Bis Dienstag!“
Dann verließ ich den Laden und verkroch mich zurück in meine Wohnung.

Mit zwei Scheiben Toast, einem Glas Marmelade, ich hatte extra auf Nutella verzichtet, und meinem Dosenkaffee setzte ich mich in die Sonne auf meinen kleinen Balkon.
Es war schon recht warm und die Sonne schien mir auf die Beine, ich beschloss nach dem Frühstück meinen Liegestuhl aus der Abstellkammer zu kramen, mir ein Buch zu suchen und mich für den Rest des Tages in die Sonne zu legen.

Gerade als ich die Dose „Cream Cafe“ ausgetrunken hatte, es schmeckte nach abgestandener Kondensmilch und typischem Blümchenkaffee, klingelte mein Telefon.
Ich nahm ab.
„Hi, Anna!“, flötete Pia mir fröhlich ins Ohr.
Gemeinerweise war ich froh, dass es nicht Arnim war.
„Hey, du!“
„Na, genießt du deine Ferien schön?“, fragte sie mich.
Ich schaute mich um.
„Ja, ich liege gerade in einem Liegestuhl auf dem Balkon, habe mir meinen Bikini angezogen und bräune mich, das einzige, das ich nicht genießen kann ist mein Kaffee.“, ich verzog das Gesicht.
„Hm…na ja…aber sag mal hast du nicht Lust deine neu erworbene Sommerbräune heute Abend in der Disko zur Schau zustellen?“
„Klar hab ich das! Heute Abend ist doch unsere Lieblings Fiesta im ‚Ohrensausen’, oder?“
„Ja!“, kicherte Pia mit vor Freude ins Ohr. „Nimmst du Arnim mit?“, fragte sie dann.
„Nein.“, sagte ich kurz angebunden.
Pia schwieg einen Moment.
„Alles okay bei euch?“
Ich hatte keine Lust darüber zu reden.
„Ja, ja, aber…nein, ist egal, ich werde es dir schon noch erzählen, weiß im Moment selber nicht, was los ist…“
„Okay.“, meine sie etwas gedehnt. „Gehen wir zu Fuß? Dann können wir uns betrinken!“
„Ja, ich bin so um elf bei dir.“
„Okay, dann mach dich mal hübsch Süße, ich freu mich schon.“, wieder kicherte sie.
„Willst du nicht hinterher bei mir übernachten, damit deine Mama nichts merkt?“, fragte ich sarkastisch und Pia brach in schallendes Lachen aus.
Ich grinste „Also dann bis heute Abend!“, dann legte ich auf.


5. (Freitagabend)

Arnim hatte sich nicht mehr gemeldet und ich hatte wirklich kein schlechtes Gewissen dabei, mit Pia mal wieder richtig feiern zu gehen.
Als wir das ‚Ohrensauen’ betraten dröhnte uns lauter Britpop entgegen, ich fühlte diesen typischen Schauer meinen Rücken herunter laufen und fing sofort an die laute Musik in mir aufzusagen.
Wie lange war ich nicht mehr hier gewesen?!?

Mit der Zeit drängten sich immer mehr Leute auf der Tanzfläche, Pia und ich wurden immer weiter eingeengt, aber ich liebte es.
Wir tranken ein Bier nach dem anderen, etwas später am Abend gingen wir dann zu Kirsch-Amaretto über.
Irgendwann gegen zwei Uhr, als ich mir grade ein neues Glas bestellen wollte und Pia längst mit irgendeinem Typen auf der Tanzfläche verschwunden war, trat jemand neben mich.
„Hallo Frau aus dem Supermarkt!“
Ich drehe mich überrascht um und schaute in das Paar glasige Augen, dass mich seit vorgestern Abend nicht mehr losgelassen hatte.
Er strich sich die langen Haare aus dem Gesicht, dann drehte er sich zur Theke und schaute die Kellnerin an „Ein Becks bitte!“. Zu mir gewand fragte er: „Was trinkst du?“
„Ähm…Kirsch-Amaretto…“
„Dann noch ein Kirsch-Amaretto.“, nicht einmal eine Minuten später stellte die Kellnerin ein Glas vor mich, das ich immer noch irritiert anstarrte.
Er grinste mich an und prostete mir zu.
The lights go out and all I see is you! You are so beautiful…, diese Textzeile schoss mir durch den Kopf, auch wenn ich nicht wusste, aus welchem Lied sie stammte.
„Hi…ich…sorry, ich war gerade etwas überrascht.“
Endlich sagte ich etwas.
Er lachte wieder.
„Nicht schlimm, vielleicht erinnerst du dich ja gar nicht mehr an mich.“
„Doch, doch. Am Gemüseregal…“, meinte ich.
„Genau. Ich bin übrigens Patrick.“
„Anna“
„Also Anna, wollen wir uns nicht dahinten hinsetzten, dann können wir uns bestimmt besser unterhalten.“ Er nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche.
Ich wusste, dass es nur eine falsche und eine richtige Antwort auf diese Frage gab, bloß war mir nicht klar, welches die Falsche und welches die Richtige war.
„Klar gerne“, ich starrte immer noch gebannt in diese unglaublich blauen Augen.
Er ging vor und drängelte sich durch die vielen Menschen zu einem Platz etwas abseits der Tanzfläche, hier war die Musik nicht ganz so laut und man konnte einigermaßen reden, ohne zu schreien.
Wir unterhielten uns eine Weile, es war ein angenehmes Gespräch, er war nett, nicht aufdringlich, interessiert obwohl seine Art eher abwesend wirkte.
Irgendwann brachte er mein Glas und seine Flasche zurück zur Theke und zog mich dann auf die Tanzfläche.
Auch wenn mir vorher noch nicht klar war, was genau so anziehend an ihm war, jetzt war es eindeutig. Er hatte so eine unglaubliche Ausstrahlung, wir tanzten dicht bei einander, doch berührten uns nur selten.
Ich versank in einer anderen Welt, konnte nur noch ihn ansehen, wie er da stand, sich langsam zur Musik bewegte, oft schloss er seine Augen, immer lächelte er vor sich hin. Wenn er seinen Augen offen hatte, schaute er meistens etwas zu Boden, sah er mich aber an, blitzten seine Augen zwischen seinen Haaren, die ihm in die Stirn hingen, hervor.
Wir sprachen kein Wort mehr miteinander, aber trotzdem steigerte sich eine gewisse Spannung zwischen uns bis ins Unendliche.
Bei einem wirklich langsamen, dramatischen und emotionalen Lied trat er plötzlich näher an mich, seine Hand griff nach meiner und ein Licht zuckte durch den Raum, ich fühlte mich blind, taub und gelähmt.
Ich dachte an Arnim, dachte an den Nachmittag als wir uns zum ersten mal auf seinem Balkon geküsst hatten, dachte an Sex mit Arnim, doch ohne das ich die geringste Chance hatte, verwandelte Arnim sich in Patrick und ich ließ meinen Kopf an seine Brust sinken.


6. (Freitagnacht)

Ich stand gegen eine Wand gelehnt, Patricks Lippen drückten sich auf meine, er hielt meine Hände über meinem Kopf an die Wand gepresst.
Ein heißkalter Schauer lief über meinen ganzen Körper, ich war benebelt von dem vielen Amaretto, von dem Rausch, von seinen Augen und erst recht von seinen Küssen. Ich konnte nicht genug bekommen von seinen Lippen.
Er hörte auf mich zu küssen und lehnte sich gegen mich, sein Kopf sank auf meine Schulter und er legte seine Arme um mich, ich drückte mich an ihn.
Bitte hör nicht auf, dachte ich, bitte nicht. Ich wusste, sobald ich aus diesem Rausch aufwachen würde, müsste ich mich der schrecklichen Realität stellen.
„Anna…“, leise und heißer drang seine Stimme an mein Ohr.
Ich drückte seine Hand.
Ich schaute ihm in die Augen, ich wollte bis in seine die Seele kriechen und wissen was jetzt in ihm vorging.
Wieder legte er seine Lippen sanft auf meine, ich erwiderte den Kuss und fühlte sofort das prickelnde Gefühl in mir aufsteigen, das alle anderen Gefühle abstellte.
Patrick legte seine Hand auf meine Wange, streichelte mit seinem Daumen darüber und küsste zärtlich meinen Hals.

Es wurde immer später, meine Lippen immer dunkler und geschwollener, und die Tanzfläche immer leerer. Ich wusste nicht, ob Pia mich schon gesehen hatte.
Patrick und ich standen wieder auf der Tanzfläche, so langsam klang die Wirkung des Kirsch-Amaretto ab und ich fühlte, dass der Zigarettenrauch in meinen Augen brannte und meine Füße schmerzten.


7. (Freitagnacht/Samstag)

Ich machte die Taxitür hinter mir zu und lehnte mich an Pia, sie streichelte mir durch die Haare, aber sie sagte nichts.
Natürlich hatte sie mich und Patrick gesehen, aber sie hatte nichts gesagt, nur ihre Augenbraue hochgezogen, als ich mir seine Handynummer hatte geben lassen.
Ich wusste noch nicht ob ich mich jemals wieder bei ihm melden würde, aber dennoch schon jetzt vermisste ich die Wärme die von ihm ausging.

Erschöpft ließ ich mich in mein Bett fallen, John Lennon sprang erschrocken zur Seite, und verließ fauchend das Schlafzimmer.
„Halts Maul!“, schrie ich ihn unnötiger weise an.
Im Liegen entledigte ich mich meiner Sachen und verkroch mich zwischen den Decken, bis die Sonne in mein Zimmer scheinen würde, wollte ich noch über nichts nachdenken.

Leider konnte ich schon um zehn Uhr nicht mehr still liegen bleiben, weil es trotz der Rollläden immer wärmer und stickiger in meinem Zimmer wurde. Irgendwann wälzte ich mich aus meinem Bett, mein Kopf fühlte sich mehr als doppelt so groß an und mein Magen rumorte.
Der Blick in den Spiegel verschlimmerte meinen Brechreiz umso mehr und ich trabte so schnell ich konnte zum Klo. Als ich nach ein paar Minuten wieder stehen konnte, wagte ich einen erneuten Blick in den Spiegel.
Meine Augen waren rot und ich hatte dicke Augenringe, meine Haare standen ab, doch das waren alles Spuren der letzten Nacht, die man im Laufe des Tages beheben konnte.
Die zwei Knutschflecke, die sich dunkel violett von meiner leicht gebräunten Haut abhoben, aber nicht.
Der eine am Hals war so stark, das es leicht brannte, als ich ihn berührte, weiter oben waren sogar kleine Bissspuren zu sehen.
Der andere lag knapp neben meinem Schlüsselbein und hatte nur eine leicht rötlich-blaue Färbung.
Seufzend schlüpfte ich in ein langes T-Shirt und schleppte mich in die Küche, ich hoffte den Tag irgendwie über die Runden zubekommen ohne mit jemanden über den gestrigen Abend reden zu müssen.

Irgendwann abends, als es langsam angenehm frisch wurde und die Sonne schon tief über Berlin hing hörten meine Kopfschmerzen auf und ich fühlte mich wieder in der Lage Nahrung und Flüssigkeit zu mir zu nehmen.
Obwohl ich die Alkoholreste der letzten Nacht grade erst überwunden hatte, lechzte ich nach einer Flasche Rotwein und einer riesigen Schokotorte, in der ich meinen Kummer ersticken könnte. Arnim hatte sich nicht gemeldet, ich hatte seine Nummer ein paar ein getippt, aber nie angerufen. Die meiste Zeit hingen meine Gedanken aber bei Patrick, immer wieder ließ ich meinen Finger über die Male streichen, die er auf mir hinterlassen hatte, und immer wieder durchzuckten mich Blitze aus Schuld, Trauer, schlechtem Gewissen und Lust. Noch öfter hatte ich seine Nummer an diesem Tag gewählt und wieder aufgelegt.
Ich wusste weder was ich wollte, noch was ich fühlte.
Ich saß allein und hilflos auf meinem Balkon und fragte mich, ob Arnim sich jemals wieder bei mir melden würde und wusste nicht ob ich die Tatsache bedauern sollte oder nicht, dass er es so wie so tun würde, es war nur eine Frage der Zeit. Doch kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, packte mich ein derart schlechtes Gewissen wegen gestern Nacht, das in einer unbändigen Lust endete, Patrick anzurufen und ihn auf der Stelle zu mir hin zu bestellen.
Ich war nicht fähig, eine sinnvolle Lösung zu finden, aber ich wusste auch, dass nur ich eine Lösung finden könnte, außer die Lösung würde zu mir kommen.


8. (Sonntagmorgens)

Im Halbschlaf kuschelte ich mich an seinen warmen Körper und spürte nach einer fast schlaflosen Nacht eine unglaubliche Zufriedenheit durch meinen Körper fließen, als ich die weiche Haut seines Oberkörpers an meiner Wange und seinen Lippen auf meinem Kopf fühlte, als er mir einen Kuss auf das Haar drückte.
Seine Hand strich über meine Wirbelsäule und er murmelte mir etwas ins Ohr, ich konnte den Sinn der Worte nicht mehr war nehmen, doch ich fühlte mich beruhig wie ein Baby und war mir sicher, dass ich mir nun keine Sorgen mehr machen musste.


9. (immer noch Sonntag)

Ziemlich ausgeschlafen und aus irgendeinem Grund völlig ausgeglichen wachte ich am Sonntag morgen auf, Arnims Hand lag auf meinem Bauch und ich hörte seinen leisen Atemzüge nah an meinem Ohr.
Ich riss die Augen auf und saß kerzengrade in meinem Bett.
„Arnim!?!“, kreischte ich etwas hysterisch los.
Seine Hand zuckte und er schlug panisch die Bettdecke weg.
„Was...was?“, stotterte er und schaute mich groß an.
„Was machst du hier, ich meine, wie bist du hier rein gekommen??“
Es ließ sich zurück ins Kissen singen und schloss die Augen wieder, dann gähnte er herzhaft.
„Ich hab einen Schlüssel, Honey.“
Ich nickte.
„Stimmt…“
„Und…ich hab es nicht mehr ausgehalten…“
Jemand setzte mir einen unsichtbaren Stich und eine Flut von schlechtem Gewissen durchströmte meine Adern.
Er schaute zu mir rüber und wuschelte sich durch seine viel zu lang gewachsenen Haare, seine blaugrauen Augen schauten mich fragen an.
Ich hielt seinem Blick stand und fragte mich plötzlich, wieso ich jemals an ihm gezweifelt hatte, ich liebte ihn doch!
„Es tut mir Leid, Anna. Wirklich! Es war einfach zu viel in letzter Zeit, ich liebe dich doch, aber wir haben so viel zu tun, die Band, so viele Ideen…“
„Weiß ich doch…“, ich fühlte mich so schuldig.
„Hey!“, er schaute mich erschrocken an. „Jetzt wein doch nicht.“
Ich strich über meine Wange und bemerkte dass er Recht hatte, eine Träne floss mein Gesicht herab.
Ich rutsche etwas nach vorne zu ihm und er drückte mich an sich, er wuschelte durch meine Haare und flüsterte mir beruhigende Worte ins Ohr.
„Alles okay?“
Ich schluckte.
„Ja...ich…“
„Schon okay, Kleines.“

Wir wären wohl auch noch den Rest des Tages im Bett geblieben, wenn es nicht um kurz nach vier geklingelt hätte.
Ich schlüpfte aus dem Bett und zog mir schnell ein langes T-Shirt über, dann machte ich dir Tür auf. Pia kam gut gelaunt die Treppen rauf gestiegen.
„Huch!“, machte sie, als sie mich sah.
„Ich war noch im Bett.“, meinte ich und grinste sie unschuldig an.
Sie nickte und quetschte sich trotzdem in die Wohnung: „Hast du etwa Männerbesuch? Von P…“
„Arnim ist wieder da!“, fiel ich ihr leicht panisch ins Wort und strafte sie mit einem bösen Blick, grade als Arnim in Boxershorts aus dem Schlafzimmer kam.
„Oh. Hallo, Arnim.“, sagte sie und machte eine winkende Bewegung mit der Hand, dann schaute sie mich wieder eindringlich an.
„Ich verschwinde mal im Bad.“, murmelte er.
„Und ich mach uns einen Kaffee!“, sagte ich und zog Pia energisch mit in die Küche.
„Es tut mir Leid!“, wisperte sie, als Arnim die Badezimmertür hinter sich schloss. „Ich konnte ja nicht wissen, dass er wieder da ist. Aber, überhaupt…?“
„Ich habe es ihm nicht gesagt und ich werde es ihm auch nicht sagen…“, murmelte ich, als ich Wasser in meinen Kaffeeautomaten füllte. „Ich kann das nicht, und ich will es nicht, es hat mir nichts bedeutet, ich war betrunken, fertig und ich kannte ihn nicht mal…“
Plötzlich fielen mir meine Knutschflecke ein und ich frage mich, ob Arnim sie wohl ignoriert oder wirklich übersehen hatte.
Pia stand still neben mir. „Es ist deine Entscheidung.“
Ich hatte gewusst, dass sie so etwas sagen würde, und drückte gereizt auf den Knopf der Kaffeemaschine, ich wusste selbst nicht, ob es die richtige Entscheidung war, ich wusste nicht mal, ob es dich richtige Entscheidung war, Arnim einfach so wieder ein mein Leben zu lassen, aber so war es vielleicht einfacher, Patrick aus meinem Leben zu verdrängen.


10. (Donnerstagmorgen, drei tage später)

Arnim und ich hatten seit Sonntag eine relativ angenehme Zeit gehabt, er war die letzten zwei Abende früh nach hause gekommen, wir hatten nett auf dem Balkon gegessen, einmal waren wir mit Pia im Freibad gewesen, doch trotzdem spürte ich, dass es nur eine vorübergehende Ruhe war.
Genau das wurde mir bestätigt, als ich am Donnerstag allein in der Küche saß und mich mit einem starken Kaffee auf meinen Kioskarbeitstag vorbereitete.
Arnim war nicht nach Hause gekommen, hatte sich nicht gemeldet und als ich bei ihm und bei Peter angerufen hatte, hatte niemand abgenommen.
Gerade als ich meinen Teller in die Spüle stellte, hörte ich wie jemand den Schlüssel im Schloss umdrehte.
Mit zerknitterten Augen, völlig zersausten Haaren und einer sehr, sehr rauen Stimme begrüßte er mich mit einem kleinen Küsschen, seine Bartstoppeln kratzen auf meiner Wange.
„Guten Morgen, Großer.“
Er setze an den Tisch und griff nach meiner Kaffeetasse.
„Tut mir Leid, dass ich wieder so spät bin…wir hatten welche vom Label da…“
Er trank einen Schluck, ich stellte mich hinter ihn und legte meine Arme um ihn.
„Wir sind ja fertig mit den Demos, sie wollen uns schon Samstag in ein Studio nach Hamburg verfrachten…“
Ich seufzte, als ich meinen Kopf an Arnims Rücken lehnte.
Arnims Muskeln spannten sich an und ich bemerkte, dass er für einen kurzen Moment die Luft anhielt.
„Samstag...“, murmelte ich.
Er löste sich aus meiner Umarmung und stand auf, er wuselte zum Waschbecken, dann zum Kühlschrank, schaute hinein, aber nahm nichts raus, dann setzte er sich wieder, diesmal aber seitlich, auf den Stuhl.
„Ja Samstag, ich werde dann für bestimmt zwei oder drei Wochen nicht da sein.“
Ich schaute zu Boden und fragte mich, warum ich keine richtige Traurigkeit spürte, sondern mich plötzlich sehr nach einem wundervollen, gepiercten Paar Lippen und einer Zunge die nach Rauch, Bier und Gras schmeckte sehnte.
Er trank den letzten Schluck Kaffee aus meiner Tasse und schaute mich vorsichtig an.
„Anna…es tut mir Leid, aber…“, er machte eine Pause und schaute auf die wilden Blümchenmuster meiner Gardinen.
Ich bekam keine Angst, obwohl ich genau wusste, was er sagen würde.
„Irgendwas stimmt hier in der letzten Zeit nicht, und vielleicht tut es uns ganz gut, wenn wir uns ein paar Wochen nicht sehen..., das soll aber nicht heißen, dass ich ne Trennung auf Zeit oder so einen Schwachsinn will.“
Ich nickte bloß, dachte genauso, und dennoch wusste ich nicht, was ich sagen sollte.
Mein Blick fiel zur Uhr, in zehn Minuten musste ich bei der Arbeit sein.
„Ja, du hast wahrscheinlich Recht…“, murmelte ich, „Ich…“, meine Hand deutete auf die Uhr.
„Ach ja…zur Arbeit, ja, ja…ich…wir sehen uns morgen noch mal, ja?“
„Ja.“, ich griff nach meiner Tasche und stopfte schnell meinen Schlüssen und eine Packung Taschentücher hinein, dann ging ich mit weichen Knien die Treppe hinunter und verließ das Haus.


11. (Donnerstag Weg zur Arbeit)

Seit dem Tag, an dem ich Arnim die Tür vor der Nase zugeknallt hatte, als wir das erste Mal Eislaufen gewesen waren, hatte ich mich nicht mehr so schuldig und gemein gegenüber ihm gefühlt. Außerdem fühlte ich mich leer und kalt, ich dachte immer, er würde mich lieben, ich dachte immer mit ihm würde ich es schaffen, würde nicht mehr an Patrick denken müssen, und irgendwann könnte ich es ihm erzählen und wir würden beide drüber lachen.
Der Gedanke zwei oder vielleicht sogar drei Wochen allein zu sein machte mir mehr und mehr Angst.
Es war nicht einmal, dass ich traurig war, Arnim so lange nicht zu sehen, es war mehr, als würde man mir ein Schutzschild nehmen.
Diese Gedanken machten mich nur noch wütender auf mich selbst, und mein schlechtes Gewissen gegenüber Arnim nur noch größer.
Nach einem ermüdenden Arbeitstag, schleppte ich mich verschwitzt und mit zerwühlten Haaren nach Hause. Ich sah genau so aus, wie man laut jeder Mädchenzeitung, die man in jüngeren Jahren gelesen hatte, nicht aussehen sollte, wenn man seinem Schwarm zufällig beim Bäcker begegnet.
Als ich die Bäckerei betrat und Patrick von der Seite sah, fielen mir außerdem noch weitere tolle Sachen ein, die mir solche Magazine mit auf den Lebensweg als Mädchen gegeben hatten:
Sollte ich nun a) ganz cool bleiben und lässig meine Brötchen bestellen, b) einen hysterischen Anfall bekommen und mich unter dem nächsten Tisch verstecken, oder c) so tun, als würde ich ihn nicht kennen.
Die Alternative wäre vielleicht einen Dating-Plan in mein Gehirn zurück zu rufen und es mir einem lässigen Anmachspruch zu versuchen.
Ich entschied mich für nichts davon und lächelte ihn einfach nur an, als er sich umdrehte und mich mit seinen umwerfend blauen Augen anschaute.
„Anna.“, entfuhr es ihm überrascht.
„Hi, Patrick.“
Er schaute mich an und spielte mit seinem Lippenpiercing, meine Gedanken drehten sich schlagartig nur noch um heißen, wilden, Sex.
„Wie gehst dir so?“, fragte er mich ziemlich Smalltalk mäßig.
„Gut, danke. Und dir?“
„Auch, auch…na ja ich muss dann auch, vielleicht sieht man sich mal wieder…“, er blickte mich recht unsicher an und ich nickte bloß.
Voller Enttäuschung bestellte ich mir Käsebrötchen, Thunfischwraps und übrig gebliebene Puddingteilchen und ging nach Hause.


12. (Donnerstagabend)

Arnim stand am Herd und kochte, es roch nach mediterranen Gewürzen, Fisch und viel Knoblauch. Ich schnupperte und folgte dem Geruch in die Küche.
Er war total in seine Arbeit versunken, er trug sein grünes Beatles-Shirt und ein paar hundert Stecknadeln durchbohrten genussvoll mein Herz.
Die viel zu lang gewordenen Haare kringelten sich im Nacken, er wischte seine Hände an der blauen, ausgewaschenen Jeans ab und schaute zum Türrahmen, als ich meine Tüte auf den Boden stellte.
„Hallo.“, sagte er, doch er kam nicht auf mich zu.
„Hey.“, sagte ich und beobachtete ihn noch für eine Minute.
Ich schlenderte ins Bad und wusch mir meine Hände. Es herrschte keine angespannte Atmosphäre in der Wohnung, aber es war auch keine liebevoll, vor Spannung knisternde.
Als ich wieder in die Küche kam, nahm ich zwei große Teller aus dem Schrank und brachte sie zusammen mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern nach draußen. Beim zweiten Gang holte ich das Besteck, Brot, das Arnim auf dem Tisch bereit gelegt hatte und einen Korkenzieher.
Ich setzte mich mit dem Wein auf den Balkon, öffnete ihn und goss die Gläser halb voll.
Mein Lieblingskorbstuhl war bequem und ich entspannte mich etwas, als ich den ersten Schluck des kühlen Weißweins trank.
Ich starte auf den Park, auf die Häuser.

Arnim stellte eine Glasschüssel mit gebackenen Kartoffeln auf den Tisch, sie waren mit verschiedenen Kräutern bestreut und dufteten wunderbar.
Dann holte er eine Pfanne mit Fisch und setzte sich zu mir.
„Danke fürs Kochen.“, sagte ich „es freut mich, dass du da bist!“
Und das meinte ich ehrlich.
„Hab gedacht, wäre vielleicht ganz nett, wenn ich schon mal Zeit hab.“
Die rötliche Abendsonne schien ihm ins Gesicht, als er mir Kartoffeln auftat, seine Augen glänzten und als ich ihn anlächelte, lächelte er verschmitzt zurück, so ein Lächeln hatte ich schon lange nicht gesehen.
Ich konnte nicht anders und legte meine Hand auf seine Wange, strich mit meinem Daumen über die dunkeln Bartstoppeln, ich beugte mich zu ihm rüber, bevor er sich wieder hinsetzen konnte und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.
Er lächelte weiter vor sich hin und ließ sich wieder in seinem Stuhl nieder.

Eine Weile saßen wir nur so da und aßen, es schmeckte wirklich gut, wir redeten nicht mehr, schauten uns nicht an, und ich fühlte wie eine Stille über uns hereinbrach, die ungewöhnlich war und etwas unangenehm wurde.
Etwas erschrocken zuckte ich zusammen, als er plötzlich anfing zu sprechen.
„Ich hab mich gerade an das erste Mal erinnert, als ich hier gegessen hab…“, ich schaute zu ihm, doch er blickte irgendwo in den Himmel und hing seinen Gedanken nach.
„Ja, musste ich eben auch schon dran denken.“
„Da lag alles voller Schnee.“
„Ja…und wir sind spazieren gegangen.“
„Im Moment bist du aber eher eine Sonnen- als eine Eisprinzessin.“, murmelte er.
Ich dachte an den Augenblick als wir auf der Schaukel gesessen hatten und plötzlich wurde mir so kalt, als wenn ich wieder dort unten im Park wäre.
Dann wurde es wieder still um uns, jeder dachte an das, was er denken wollte oder musste, und das Schweigen wurde immer lauter. So laut, das ich die Geräusche, die das Zusammenräumen das Geschirrs verursachten nicht mehr ertragen konnte. Ich fühlte mich so gelöst von ihm, spürte keine Verbindung und fragte mich, ob ich es überhaupt fühlen könnte, wenn er mich jetzt berühren würde.
Als er die letzten Reste in die Küche gestellt hatte und wieder auf den Balkon trat, stand ich gerade am Balkongitter und streckte mein Gesicht in Richtung der letzten Sonnenstrahlen.
Ob er das gleiche gedachte hatte wie ich, wusste ich nicht, aber nun stellte er sich hinter mich und legte die Arme um meine Taille, seine Hände verkreuzten sich vor meinem Bauch und er drückte sich nah an mich, als wollte er nicht, das ich ihm entwischen konnte. Ich drehte mich in seinem Armen zu ihm um und legte meinen Kopf an seine Brust, sie bewegte sich bei jedem Atemzug sacht auf und ab. Ich hörte sein Herz klopfen, hatte auf einmal den Drang ihm so viel zu sagen, doch mein Mund war trocken und ich wusste, das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für viele Worte war.
Ich drückte mich sanft etwas von ihm weg, streckte ihm meinen Kopf entgegen, er schaute mir in die Augen und lächelte, dann beugte er sich zu mir runter und seine Lippen berührten meine.
Automatisch verglich ich unseren Kuss mit dem Kuss von Patrick. Es war anders, hier stecke viel mehr dahinter, Patricks Kuss was prickelnd und neu gewesen, Arnims Kuss war wie gewohnt und er schmeckte wie ein Arnim Kuss nun mal schmeckt. Dennoch genoss ich es und schloss mit einem seufzen meine Augen.
Arnims Zunge tastete sich immer weiter vor, irgendwann löste sie sich von meinem Mund und wanderte meine Hals herab, ich vertraute ihm und wusste, dass ich mich fallen lassen konnte.
Er schob mich langsam vom Balkon und drückte mich Richtung Küche, als ich die kühle Tischplatte an meinem Hinterteil spürte, stellte ich mich auf Zehenspitzen und ließ mich auf ihr nieder.
Arnim dränge sich zwischen meine Beine und ließ seine Hände unter mein T-Shirt fahren, er streichelte über meinen Bauch und fuhr mit seinen Finger meine Seiten hoch bis zu meinen Brüsten.
Ich versank in meinen Gefühlen und Gedanken, fühlte seine unnormal gierigen Finger auf meiner Haut, seine Lippen die sich einen Weg über meinen Körper bahnte, während ich selbst sehr passiv auf der Tischplatte saß und konzentriert versuchte nicht an Lippenpiercings und blau getrübte Augen zu denken.
Manchmal konnte ich selbst kaum glauben, wie gemein ich war.


13. (Immer noch Donnerstagabend)

Ich hatte kaum mitbekommen, wie Arnim mir das T-Shirt ausgezogen und auch die Knopfe meiner Hose geöffnet hatte, erst als er an dem Verschluss meines BHs rumspielte und ein kalter Luftzug meine Brust berührte wachte ich aus meinen Gedanken auf und fühlte die Erregung, die sich in mir ausgebreitet hatte. Ich schaute in seine glänzenden Augen und fuhr mit meine Finger unter sein T-Shirt, ein leichter Schweißfilm hatte sich auf seinem Oberkörper bebildet.
Er beugte sich tiefer zu mir und begann an meinen Brustwarzen zu saugen, seine Zunge spielte mit ihnen und ein kalter Schauer lief meinen Rücken herab, ich konnte nun endgültig alle Gedanken an Patrick abschalten und versuchte Arnim das störende T-Shirt vom Oberkörper zu reißen.
„Ach Honey…“, seufze er an meiner Brust und ich glitt zu seinem Gürtel herab, als ich ihn geöffnet hatte, rutschte seine viel zu weite Hose wie von selbst auf die tiefste Stufe und ich zog scharf die Luft ein. Über die Kälte, die in der letzten Woche zwischen uns herrschte, hinweg, hatte ich beinah vergessen, wie heiß er war. Ich öffnete den Knopf seiner Jeans und nun rutschte sie ihm bis zu den Knöcheln, er stieg schnell heraus und konzentrierte sich dann wieder auf mich.
Seine Hände packten mich bei den Hüften und er zog mich vom Küchentisch, ich ergriff die Chance und streifte mir ebenfalls die Hose vom Körper, dann drängte ich mich wieder an ihn und presste meinen Unterkörper gegen seinen.
Seine Hände glitten meine Seiten herab und zogen an meinem lila-weiß gestreiftem Unterhöschen. Ich ließ ihn gewähren und schließlich stand ich nackt in unserer Küche, die kalte Luft vom halboffenen Fenster jagte Kältewellen über meine Haut, diese führten zu einer Gänsehaut, die durch Arnims Finger noch verstärkt wurde.
Ich streckte mich und fing an, an seinen Lippen zu knabbern, dann bahnte sich mein Mund einen Weg weiter nach unten, entlang seines Halses, über seinen Brust, verharrte auf jedem seiner Bauchmuskeln, bis meine Küsse schließlich den Bund seiner Boxershorts erreichten. Ich nahm meine Hände zur Hilfe und zog sie Stückchen für Stückchen über seine Hüfte, meine Küsse folgten dem immer weiter nach unten gleiten Stück Stoff, bis sie schließlich auf Arnims empfindlichster Stelle landeten.
Er stöhnte auf und seine Hände drückten sich gegen meinen Hinterkopf, ich wusste, nun hatte ich ihn in der Hand…oder eher im Mund.
Ich züngelte ihn zärtlich, saugte und irgendwann wurden meine Berührungen stärker und fordernder, er spürte es und irgendwann, als seine Knie ihn nicht mehr tragen konnte, griff er nach meiner Hand und drückte sie leicht, er zog mich zu sich hoch und küsste mich, als ich wieder vor ihm stand.
Dann schob er mich aus der Küche Richtung Wohnzimmer. Ich ging rückwärts und ließ mich von ihm führen, schließlich stieß ich mit meinen Kniekehlen gegen mein lilafarbenes Sofa und fiel sanft nach hinten, er hatte seinen Hände um meine Hüften gelegt und bettete mich sicher auf dem Sofa.
Bevor ich es überhaupt realisieren konnte, steuerte sein Mund auf die Innenseite meines Oberschenkels zu, seine kurzen Bartstoppeln kratzten auf meiner weichen Haut, aber es fühlte sich gut an.
Mein ganzer Körper kribbelte, es war wie eine Erlösung, als ich seinen Mund endlich auf meiner empfindlichen Haut fühlte, doch ich wollte mehr, viel mehr…
Als das Kribbeln in meinem Unterleib nicht mehr auszuhalten war, hörte Arnim plötzlich auf, sein Blick wanderte nach oben und er traf meinen.
Ich grinste.
Er auch.
Er stand auf und schob meine Beine aufs Sofa, so dass ich nun ganz auf ihm lag, dann kniete er sich zwischen meine Beine und küsste mich wieder und wieder.
Als er schließlich in mich eindrang, bäumte ich mich unter ihm auf und drückte mich ihm entgegen.
Er stöhnte leise in mein Ohr, es war ein tiefes Brummen, doch es war so vertraut, ich streichelte über seinen Rücken, passte mich seinem Rhythmus an. Er war ein wundervolles Gefühlt, ein Zusammensein, wie ich es seit Wochen vielleicht sogar Monaten nicht mehr mit ihm erlebt hatte.
Meine Erregung steigerte sich immer mehr, es war fast schrecklich, es war als würde ich zerbersten, ich schwebte auf Wolken, doch als ein herrlicher Orgasmus über mich herein brach, wurde mir klar, das es anders war, als beim letzten mal, als ich mit Arnim geschlafen hatte.


14. Freitagmorgen

Als ich die Augen öffnete, war mir schon längst klar gewesen, das Arnim weg war. Ich lag schon seit mehreren Stunden mal, wach mal halb im Schlaf versunken in meinem Bett und hatte genau gehört, wie Arnim auf gestanden war und seine Sachen gepackt hatte.
Nun war die Wohnung leer. Geblieben war nur das bedrückende Gefühl, dass vielleicht nie wieder alles so werden würde, wie es einmal war. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter und beschloss wenigstens den Rest des Tages nicht mehr an das zu denken, was in Zukunft passieren könnte und an dem ich im Moment eh nichts ändern konnte.
Als ich mich aus dem Bett lehnte, John Lennon aufhob und in meinen Arm legte, überlegte ich, dass ich dringend aus dem Alltagstrott, der aus Kaffee kochen, arbeiten, Gedanken machen und auf Arnim warten bestand, raus musste. Ich konnte nicht mehr so weiter machen, erst recht nicht in meinen Semesterferien.
Ich beschloss einkaufen zu gehen, neue Schuhe und T-Shirts würden mich ablenken, und damit ich auf keine doofen Gedanken käme (und jemanden zum bezahlen hatte), würde ich meine Mutter fragen, ob sie nicht mitkommen wollte.

Bei strahlendem Sonnenschein und einem sehr angenehm kühlem Wind schlenderten wir den Kudamm entlang, ich verstecke mein unausgeschlafenes Gesicht hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille mit dunkel violetten Gläsern. Meine Mutter, Gerlinde, ging neben mir her, sie trug ein langes weißes Kleid und ihre silbernen Haare hingen offen auf ihren Schultern.
„Anna, was ist bloß los mit dir, dass du so still bist.“
Ich blieb vor einem Schuhladen stehen und betrachtete ein Paar schwarze Ballerinas, die mit einer schwarzweiß karierten Schleife geschmückt waren.
„Arnim fährt morgen für ein Paar Wochen weg, du weißt schon, Aufnahmen und so…“
„Und dann gehst du heute mit deiner alten Mutter einkaufen, anstatt den Tag mit ihm im Bett zu verbringen?“, fragte sie empört.
„Ach Mama…“
„Oder gibt es etwa etwas, was dir die Lust darauf verdorben hat?“
Ich ging langsam weiter und konzentrierte mich auf das nächste Schaufenster, in dem ein geblümtes Sommerkleid hing, das einen wundervollen Schnitt hatte und mich an Mädchen mit Blumenkränzen auf grünen Wiesen erinnerte.
„Das will ich anprobieren.“, sagte ich entschlossen und drückte die Tür zum Geschäft auf.
Meine Mutter seufzte, aber fragte vorerst nicht weiter nach.


15. (Freitagmorgen)

Als meine Füße durch die Wärme immer dicker und meine Arme, an denen 5 Tüten hingen, immer schwerer wurden, beschlossen wir uns irgendwo hinzusetzten und ein Eis zu essen.
Auf dem Weg zu dem auserkorenen Cafe bleibt ich aber trotzdem noch an meinen Lieblingsmusikgeschäft hängen.
„Mama, hier muss ich noch ganz schnell rein.“, bettelte ich wie früher und schob sie in das kühle Geschäft, in dem sehr laute Musik gespielt wurde.
„Anna…“, maulte sie, wehrte sich aber nicht weiter, also dirigierte ich sie in meine Lieblingsecke, in der man neue CDs probe hören konnte und setze sie auf eins der roten Sofas.
„Warte hier kurz, ich beeil mich auch.“
Sie verdrehte die Augen und lehnte sich zurück, dann ließ sie ihre Schuhe von den Füßen fallen und ich sah, dass sie froh war sitzen zu können.
Nachdem ich mich zehn Minuten an all den CDs, Kassetten und Vinyls satt gesehen hatte, griff ich nach der CD mit dem spannendstem Cover und ging zurück zu meiner Mutter, in der Sofaecke saß inzwischen noch jemand anders, und erst als ich schon so nah war, dass ich nicht mehr ausweichen konnte, machte mein Herz einen gefährlich Satz, denn ich erkannte, wer da einfach so neben meiner Mutter saß.
„Hi, Patrick“, meine Lippen waren trocken.
Er schaute hoch und für einen kurzen Moment schien es, als würden seinen Augen vor Freude strahlen, doch dann verschwand sein Gesicht wieder unter seinen langen Haaren und er murmelte ein: „Hallo.“
Meine Handflächen begannen zu schwitzen und ich achtete darauf, meiner Mutter nicht in die Augen zu schauen, stattdessen ließ ich mich von Patricks Blick völlig aus der Fassung bringen. Er strich sich die Haare wieder aus dem Gesicht und ich sah seine dunkel unterlaufenden Augen, er biss sich in seine Unterlippe und streifte dabei sein Piercing.
„Wie geht’s dir so?“
„Ganz gut, und dir?“, sagte ich steif.
„…eigentlich ziemlich scheiße…aber was soll’s.“
Wieder Schweigen.
Im Augenwinkel sah ich, wie interessiert meine Mutter jeder unserer Bewegungen beobachtete.
„Weißt du Anna…ich würde mich freuen, wenn wir uns mal wieder sehen könnten.“, Patricks Stimme war recht leise und rau.
„Ich…du, ich hab ja deine Handynummer, ich rufe dich heute Abend mal an, okay?“
Er nickte bloß und stand auf.
„Okay.“, als er an mir vorbei ging streifte er unauffällig meinen Arm mit seinem Finger.
„Ich bezahle schnell.“, stotterte ich und drehte mich zur Kasse.
Schließlich schlug mir wieder die warme Luft entgegen, und ich stopfte die neu erworbene CD in einer meine Türen, meine Mutter ging schweigend neben mir, doch ich sah, dass sie angestrengt nachdachte.
„Weißt du Mama.“, doch im selben Moment fing auch sie an zu reden: „Anna, Liebes, hattest du Sex mit diesem Mann?“
Ich hustete überrascht und blieb stehen.
„Ich? Ähm…Mama!?! Nein, hatte ich nicht.“
„Komisch…ich hätte darauf gewettet, es lag so in der Luft, würde ich mal sagen, aber na ja, dann kann es jeden Falls nicht mehr lange dauern.“, säuselte sie. „Woher kennt ihr euch.“
„Aus der Disko.“
„Hmm.“, sie nickte bloß. „Ganz im Ernst, Liebes, das war niemand, den du nur so kennst, und mit dem du heute Abend ein Glas Wein trinken willst.“
Und da hatte sie Recht, ich wollte mehr als nur ein Glas Wein, ich wollte die ganze Flasche.


16. (Freitagabend)

Nachdem ich alle möglichen, mir auf einmal total wichtig erschienenen Dinge, gemacht hatte und der Nachmittag vorbei gezogen war, fiel mir nichts mehr ein, was noch gemacht werden musste und mich von dem Anruf bei Patrick aufhalten könnte.
Ich griff mir eine eisgekühlte Flasche Wasser auf dem Gefrierschrank und ging mit dem Handy auf den Balkon. Langsam ging ich die Namen in meinem Telefonbuch durch bis ich bei P ankam.
Papa Handy
Pascal
Patrick…
Ich atmete tief durch und fragte mich was ich ihm sagen sollte, dann drückte ich auf „Nummer anzeigen“ und las jede Ziffer: 0179 654123
Als meine Daumen auf den Knopf mit dem kleinen grünen Telefonhörer drückten, klingelte es an der Tür, ich stoppte den Anruf und drehte mich um.
John Lennon stand schon miauend und mit den Pfoten am Holz kratzend vor der Wohnungstür, als ich in den Flur trat und ihn ein wenig zu Seite schob, dann drückte ich die Klinke herunter und als ich die grauen Schuhe mit den gelben Streifen sah, wusste ich, dass es Arnim war.
„Hey, Anna.“
Er schaute mich aus seinen glänzenden Augen an, er hatte schon ein oder zwei Bier zu viel getrunken und sich heute morgen nicht rasiert, die Stoppel zogen sich über seine leicht gebräunte Haut, dazu trug er ein kariertes Hemd und eine ausgefranste Jeans.
„Hi.“, sagte ich matt und schaute noch einmal zu meinem Handy, schnell klickte ich Patricks Namen weg und legte es hinter mich auf die Kommode.
„Nachdem ich heut morgen so schnell weg war, wollte ich noch mal vorbei kommen und vorerst Tschüss sagen.“, doch als er keine Anstalten machte rein zukommen, trat ich in den Flur und ging dann in Richtung Küche: „Willst du auch was trinken?“
„Ja“, murmelte er und machte die Tür hinter uns zu.
Ich verzichtete darauf im noch mehr Alkohol zukommen zu lassen, drückte ihm ein Glas Multivitaminsaft mit Eiswürfeln in die Hand und lehnte mich an die Arbeitsplatte. Die Kohlensäurebläschen in meinem Glas perlten nach oben und sprudelten leise.
Ich schaute zu Arnim, der sein Glas schon ausgetrunken hatte und neben die Spüle stellte, dann machte er einen Schritt auf mich zu und legte den Kopf schief.
„Was ist nur los mit uns beiden in letzter Zeit, Kleines?“
Ich sah Verzweiflung und Angst in seinen Augen, aber ich sah auch die Neugierde auf etwas neues etwas Unbekanntes und die Sehnsucht nach Freiheit. Dann beugte er sich vor und berührte sanft meine Lippen, ich blieb still stehen, erwiderte seinen Kuss nicht.
Doch er drückte sich näher an mich und schließlich wurde ich weich, ich ergab mich seinen Lippen, dem Kratzen seines Bartes, dem Geruch von Rauch, Wein, Bier und dem Geschmack von Apfelkorn und Erdnüssen.
Ich löste mich von ihm und lehnte mich wieder gegen die Arbeitplatte.
„Meinst du, das hilft uns weiter?“, fragte ich und schob mich zwischen ihm und der Arbeitsplatte her, in den freien Raum.
„Weichst du mir aus?“, Arnim betonte diese Frage mit einer ungewöhnlich schadenfrohen Stimme, dann machte er einen Schritt auf mich zu und schaute mit tief in die Augen. Sie funkelten und ein fieses Grinsen umspielte seine Lippen.
„Arnim?“
„Was??“, er begann zu lachen und wankte etwas hin und her.
Ich schob mich wieder an ihm vorbei und ging langsam in den Flur, dann ins Wohnzimmer, John Lennon lag auf dem Teppich und räkelte sich auf dem Bauch. Seufzend ließ ich mich aufs Sofa fallen und schaute zur Tür, Arnim stand lässig in den Rahmen gelehnt und beobachtete den Kater.
„Hey Mr. Lennon, sie sollten besser auf ihre Mitbewohnerin aufpassen…“, dann drehte er sich zu mir und ließ sich aufs Sofa fallen, sein Finger streichelte über die Innenseite meines Unterarms.
Ich seufzte, doch ich ließ mich tiefer ins Sofa sinken und legte den Kopf zurück. Er beugte sich zu mir und seinen rauen Lippen berührten sanft meinen Hals. Er ließ sie über mein Schlüsselbein wandern. Dann schaute er wieder hoch und küsste mich, er öffnete meine Lippen mit seiner Zunge, knabberte an meiner Unterlippe und fuhr mit seiner Hand unter mein T-Shirt, wie ein Teenagerpärchen, das im Dunkeln auf einer Bank saß.
Gerade als ich meine Hand in Arnims Haaren vergrub, klingelte mein Handy im Flur.
Patrick!
Ich versuchte aufzustehen, doch Arnim drückte mich mit seinem Gewicht herunter: „Ist doch egal.“, murmelte er an meinen Lippen.
„Nein…ich muss…“, ich schob ihn zur Seite und quälte mich aus meinem violetten Sofa.
Schnell eilte ich zu meinem Handy.
„Ja?“
„Hey, ich bin’s Patrick.“, seine Stimme war angenehm warm, tief und erregend.
„Hi.“, sagte ich etwas leiser, „Du, Ähm…das ist gerade ganz schlecht.“
Ich blickte zur Wohnzimmertür und sah Arnim, der mich fragend anschaute.
„Wie gehst dir denn so.“, plauderte ich wild drauf los und hoffte, das Arnim denken würde es wäre Pia oder eine andere Freundin, doch er zog seine Augenbraue hoch und beobachtete mich weiter am Telefon.
„Ähm, gut, danke und dir?“, fragte Patrick etwas irritiert.
„Super, danke.“, meinte ich überschwänglich und bedeutete Arnim er sollte zurück ins Wohnzimmer gehen, doch immer noch bewegte er sich.
„Ich würde mich echt freuen, wenn wir uns sehen könnten, ich glaub, ich hab dich vermisst.“
Ich spürte wie mein Gesicht heiß wurde und hoffte, dass ich nicht rot geworden war.
„Ja…du..Patrick…“, ich hielt die Luft an und hoffte Arnim hätte es nicht gehört, doch als ich zu ihm hoch schaute sah er mir nicht mehr in die Augen sonder flüsterte nur: „Sag ihm ruhig, dass du heut Abend Zeit hast, ich hau jetzt ab.“ Er trat neben mir her, öffnete die Tür, einen Sekunde lang wartete er, ehe er sie zu zog. Doch ich traute mich nicht ihm etwas hinterher zu rufen, denn ich wusste, dass ich dann auch Patrick vergessen konnte.
„Patrick?“
„Ja?“
„Magst du vorbei kommen? Und dann lass uns irgendwas machen, ich muss raus aus dieser Wohnung.“
„Klar, wenn du mir sagst wo du wohnst.“


17. (Freitagabend immer noch…

Nachdem ich aufgelegt hatte, hatte ich mich an der Wand herunterrutschen lassen, bis ich auf dem Boden saß. Mein Herz fühlte sich gebrochen an, ein tiefer Riss durchzog es und das Schlimmste war, dass ich wusste, dass ich es mir selbst gebrochen hatte und dass auch ein Abend mit Patrick es nicht wieder kleben, sondern höchsten verpflastern könnte.
Nun richtete ich mich wieder auf und ging ins Bad, ich bürstete meine Haare, sprühte eine Ladung Haarspray hinein, dann tuschte ich meine Wimpern nach, puderte dezent mein Gesicht und verschaffte mir etwas dunklem Rouge einen frischeren Ausdruck. Schließlich schwebte ich in einer Wolke aus Parfüm in mein Schlafzimmer und suchte ein sauberes T-Shirt aus dem Schrank. Ich entschied mich für ein dunkelgraues mit Pastellfarbenen Regenbögen, es passte wunderbar zu meiner Stimmung.
Nachdem ich noch etwa zwanzig Minuten auf dem Balkon gesessen hatte, klingelte es an der Tür.
Ich öffnete sie und Patrick stand lächelnd vor mir. Seine dunkelblonden Haare standen wild vom Kopf ab, ein paar Strähnen fielen ihm ins Gesicht und er hatte den Stecker in seiner Lippe gegen einen Ring ausgetauscht.
„Hey.“, hauchte ich.
„Hi.“, er lächelte und trat in die Wohnung ein.
„Willst du einen Kaffee?“, fragte ich ihn.
„Ja, gern.“, er zog seine schwarze Kordjacke aus, darunter trug er graues T-Shirt mit einem schwarzen Aufdruck.
„Wow, du hast so eine Kaffeeautomatendings. Kann ich aufm Balkon eine rauchen?“
„Ja klar, warte gerade, das geht ganz schnell, dann komm ich mit raus.“, ich konzentrierte mich auf die Tassen.
„Wem gehört denn die Gitarre?“, fragte er und nahm sie in die Hand, er ließ seinen Finger über die Saiten gleiten und ich wusste, wenn Arnim das sehen würde, würde er ihn töten. „Ähm…die gehört…nem Freund.“
„Nem Freund?“, in seiner Stimme lag ein belustigter Unterton, doch er stellte sie zurück in den Gitarrenständer und schaute zu John Lennon, der langsam in die Küche schlich.
„Das ist John Lennon.“, ich drückte auf den Knopf und der dunkle, heiße Kaffee lief unter lautem Brummen in die Tassen.
„Aha.“, er schaute John Lennon an, doch dieser blickte nur kurz in die Küche, dann verkroch er sich zurück ins Schlafzimmer. Patrick stand auf und schlenderte ins Wohnzimmer: „Dann sind das bestimmt auch die DVDs und die T-Shirts von dem Freund, und die Hose auch, oder?“
Ich seufzte leise und biss mir auf die Unterlippe.
Mist
„Ähm…ja…weißt du, inzwischen ist er nur noch ein Freund. Und er muss seinen Kram hier noch abholen…“ Der Gedanken daran wie Arnim durch die Wohnung ging und all den Kram einsammelte, den er überall verstreut hatte, tat weh.
Ich stellte die Tassen auf ein Tablett, kramte Milch und Zucker aus dem Schrank und ging zu Patrick auf den Balkon.
Er stand mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und schaute auf seinen Hände, da er sich eine Zigarette rollte. Das Licht der untergehenden Sonne verfing sich in seinen Haaren, ließ seine Haut glänzen. Er schaute kurz auf, als ich das Tablett auf den Tisch stellte und ein Blick aus seinen blauen Augen traf mich, wieder lächelte er ein kaum sichtbares Lächeln. Dann zückte er sein Feuerzeug und zündete sich seine Zigarette an.
„Wie lange soll er seine Klamotten hier schon abholen?“
Ich schüttete etwas Milch in meine Tasse und pustete hinein: “Seit heute Nachmittag.“, es hatte keinen Zweck zu lügen. „Aber…ich denke das geht dich nichts an.“
Er zog die Augenbraue hoch.
„Wenn du so denkst, dann bist du noch lange nicht mit ihm fertig.“, meinte Patrick dann schaute mich herausfordernd an.
„Und das, sollte ganz allein meine Sorge sein.“
„Wenn du meinst.“ Er ging einen Schritt auf mich zu und strich mit der freien Hand über meine Wange, dann beugte er sich vor und küsste mich, für meinen Geschmack viel zu kurz, auf die Lippen.


18. (Freitagabend)


Ungefähr einen halben Kilometer weiter stand Arnim auf seinem Balkon, die untergehende Sonne blendete ihn ins Gesicht. Er drückte seine ausgerauchte Zigarette in den Aschenbecher und nahm den letzten Zug aus seiner Bierflasche, dann beugte er sich über das Geländer und ließ sie mit einem lauten Krachen auf dem Weg unter seinem Balkon zerschellen.
Arnim schritt wieder in seine Wohnung, holte das nächste Bier aus dem Kühlschrank und nahm seine Gitarre mit nach draußen.
Was für ein scheiß Tag und was für ein scheiß Abend.
Dann setzte er sich in seinen Klappstuhl und griff ein paar Mal in die Seiten, bis er anfing einen Melodie zu spielen, die im plötzlich in den Sinn kam, nach ein paar Minuten flüsterte er leisen den Text vor sich hin:
“My girl, my girl, don't lie to me
Tell me where did you sleep last night”
Irgendwann brach seine Stimme und er konnte nicht mehr weiter singen, Arnim spielte noch ein paar Akkorde, dann legte er seine Gitarre wieder weg.
Was hatte er nur falsch gemacht, dass sie ihm immer so wehtun musste? Tief im Inneren wusste er es, jeden falls zum Teil. Anna war sauer gewesen, weil er so wenig Zeit für sie gehabt hatte, aber das musste ihr doch von Anfang an klar gewesen sein.
Er dachte daran, wie die beiden hier draußen auf seinem Balkon gestanden hatten und er sie endlich, nach Wochen des Warten und Bangens hatte küssen können.
Und jetzt?
Wut kroch in ihm hoch. Es war doch nicht nur seine Schuld, immer wich sie vor ihm aus, nie wollte sie ihn verstehen, seine kleinen Anna.
Er wollte schreien, er wollte sich betrinken, er wollte weinen, er wollte auf einer Bühne stehen und hunderten von Menschen ins Gesicht brüllen, wie scheiße er sich fühlte, aber er konnte nichts von alle dem, konnte nur still auf seinem Balkon sitzen.
Wieder einmal wurde ihm bewusst wie schizophren seine Gedanken waren, immer hatte er Angst, dass er verletzte werden könnte, aber viel zu selten hatte er Angst andere zu verletzen.
Zwischen Wut und Enttäuschung schwankend, stand er auf und schlurfte ins Schlafzimmer.
Vielleicht war Anna gerade nicht allein in ihrem Schlafzimmer, der Gedanke daran machte ihn blind vor Wut, und dennoch war er betäubt genug, sich nur aufs Bett zu legen und die Augen zu schließen. Die Wut ging vorbei und wieder begann er in Gedanken alle Schuld von sich zu weisen, doch am Ende blieb nur Schmerz.

19. (ja immer noch Freitagabend…

Ich breitete die große Decke am Ufer des Wannsees aus und stellte den Korb daneben. Die Sonne stand inzwischen sehr, sehr tief, aber es war immer noch angenehm warm.
Patrick hatte vorgeschlagen, wir könnten es uns ja hier bequem machen, dann brauchte ich nicht länger in meiner Wohnung hocken und würde vielleicht auf andere Gedanken kommen.
Er stand etwas abseits von mir und beobachtete das Wasser, das leise und sanft ans Ufer planschte. Libellen tummelten sich, der Boden war von grünem Gras und weißen Blümchen bedeckt und überall hörte ich die Geräusche der sich ankündigenden Nacht. Grillen, Vögel und Frösche.
Es war viel zu perfekt, als dass ich auch nur in Erwägung ziehen könnte, dass es für länger als diese Nacht halten würde. Und vielleicht noch die übernächste und die danach…
Dann drehte er sich zu mir um und schaute mich aus seinen glasigen heute so grau wirkenden Augen an. Ich sah ihm an, dass er etwas Ähnliches dachte und ging langsam auf ihn zu, legte meine Hand auf seinen Oberkörper und stellte mich auf die Zehnspitzen um ihn zu küssen.
Patrick erwiderte den Kuss, sein Piercing drückte angenehm auf meine Lippe, er schmeckte nach Zigaretten und wieder war ich gefangen von dieser unglaublichen Aura die ihn umgab.
Here we are that's what I dream about
love becomes fearing me
hopeless time will trust my eyes and leave this for a while
we come and we’re staring on a loneful summer night
but your eyes will love to crawl within my soul.


20. (Samstagnacht)

Der Tag war schon fast unerträglich warm gewesen und die Hitze hat sich trotz der geschlossenen Fenstern und runtergelassenen Rollläden in meinem Zimmer angestaut. Entnervt schleuderte ich die Decke von meinem Bett und drehte mich wieder auf die andere Seite.
Zwar hatte ich mich schon im Laufe der letzten Wochen an ein leeres Bett gewöhnt, doch ich sehnte mich manchmal all zu sehr nach der Hand, die sich plötzlich um meinen Körper schlang und mich zu sich zog, und dass, obwohl ich die letzten beiden Nächte nicht allein verbracht hatte.
Hin und her gerissen zwischen den Gedanken an Arnim, der seine Lippen über meine Schlüsselbein streicheln ließ, und dessen Bartstoppeln ein angenehmes Kribbeln auf meiner Haut hinterließen, und an Patrick, wie er im Licht der untergehenden Sonne, mit dem Gesicht zu mir gewand lag und mich anlächelte, wälzte ich mich auf dem Bett umher.
Plötzlich klingelte das Telefon und ich setzte mich erschrocken hoch.
Ich griff zum Hörer, doch mein Hals war trocken und bei der Hälfte meines Namens brach meine Stimme.
„Hab ich dich geweckt?“, eine tiefe Stimme flüsterte mir angenehm ins Ohr. Es war ein so vertrautes Gefühl, dass ich mich entspannt zurück lehnte und antwortete.
„Nein, ich kann nicht schlafen…“
„Ich auch nicht.“, murmelte Arnim mir ins Ohr.
„Wie war euer erster Tag?“
„Ja ganz gut, müssen uns erst noch ein bisschen einspielen, wie das halt immer so ist…“
Ich nickte stumm.
„Was hast du so gemacht?“, ein harter Unterton schwang in seiner Stimme mit.
„Nicht viel. Pia war gestern da.“, ich dachte an Patrick und daran wie er mich genau auf dieses Bett gezogen hatte.
Wir redeten noch ein paar Minuten und ich verlor mich in dem angenehmen Klang seiner rauen Stimme, bis er schließlich auflegte und ich aufgewühlt und mich schlechtem Gewissen weiter wach auf meinem Bett lag.


21. (Samstagnacht, genau eine Woche später)

Ich schlang meine Arme um Patricks Hals und drückte ihm mein Becken ein wenig entgegen, mein Kopf lag in einem Haufen Kissen, die seidige Bettwäsche streichelte meine Haut.
Wir hatten das Fenster auf und es war angenehm kühl in seinem Schlafzimmer, das große Metallgestell seines Bettes quietschte, als ich mich wieder rückartig in die Decken fallen ließ.
Patricks weiche Stimme flüsterte leise Liebkosungen in mein Ohr, doch plötzlich wurde er still, er bewegte sich nicht mehr.
Dann hörte auch ich die Schritte im Hausflur.
„Was ist?“, flüsterte ich.
Ein Schlüsselte fiel vor seiner Wohnungstür zu Boden.
„Scheiße!!“, murmelte er, „los beeil dich…Ähm…unters Bett oder was weiß ich.“
Panisch stand er auf, sprang in seine Boxershorts und schlüpfte in ein T-Shirt, während ich die Wohnungsschlüssel in der Tür hörte.
Ich saß noch für ein paar Sekunden betäubt auf dem Bett, dann schlang ich eine der Decken um mich und schaute mich um. Ich würde mich doch jetzt nicht unters Bett schmeißen.
Patrick drehte sich um und schaute mich mit seinen grauen Augen an: „Bitte Anna!“
Das Flehen in seiner Stimme brachte mich dazu in die Knie zu gehen und mich halb unter das Bett zu rollen.
Ich spürte, wie sich über mir das Bett ein wenig absenkte, als er sich hinein legte, dann hörte ich eine Männerstimme.
„Patrick?“
Ich atmete auf und wollte schon aus meinem Versteck hervor kriechen, wahrscheinlich war es nur ein Freund von ihm, ich hatte mich höchsten einen Zentimeter zur Seite als Patrick zischte: „Bleibt da!“
„Patrick? Kleiner, bist du da?“, fragte die Stimmer unsicher.
Ich hielt den Atem an.
Über mir hörte ich ein gespieltes Gähnen von Patrick. Dann öffnete sich die Tür.
„Oh, du schläfst schon.“, flüsterte die Männerstimme sanft.
Ich fühlte wie sich über mit das Bett bewegte und Patrick sich langsam drehte: „Was? Oh…Bastian.“ Wieder gähnte er.
„Tut mir Leid…ich hab´s einfach nicht mehr ausgehalten…Ich…Ich hab dich so vermisst…“, Bastians Stimme brach ab.
Patrick stand auf.
„Ähm…“
„Ich muss wirklich mit dir reden.“
Ich lauschte gespannt diesem Gespräch und kam mit plötzlich ziemlich doof vor. Was war zwischen den beiden passiert? War ich nur ein Abenteuer für Patrick, wollte er nur mal von den Männern weg?
Patrick seufzte leise, dann sagte er: „Komm wir gehen ins Wohnzimmer.“
Ich sah ihre Füße und wie sie aus dem Raum gingen, Patrick ließ die Tür angelehnt und nachdem ich noch ein oder zwei Minuten gewartet hatte, kroch ich unter dem Bett hervor und packte still meine Sachen zusammen und zog mich rasch an.
Als ich an der Wohnzimmertür vorbei kam, hörte ich Bastians Stimme etwas flüstern, und dann das Geräusch eines Kusses.
Ich verschwand so leise wie ich konnte aus der Wohnung.
Draußen spürte ich, wie mir eine Träne die Wanger runter lief.

22. (Samstagnacht / Sonntagmorgen)

Er schaute zum Himmel und zu den Sternen, sie waren so unendlich weit weg, aber nicht so weit wie Anna. Es kam ihm vor wie Jahre, als er sie das letzte Mal umarmt hatte und wie eine unüberbrückbare Distanz, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte.
Es blies den bläulichen Rauch seiner Zigarette in die Nacht und beobachtete wie er vom Wind zerrissen wurde und sich in der klaren Luft verteilte bis nichts mehr zu sehen war.
Patrick, dachte er. Patrick und Anna…das passte einfach nicht oder er würde dafür sorgen, dass es nicht mehr passte, er würde sie sich nicht einfach wortlos nehmen lassen.


Meine Augen brannten schrecklich und meine Finger waren mit schwarzer Wimperntusche beschmiert, ich vermutete also, dass ich die Wimperntusche auch schon in meinem ganzen Gesicht verteilt hatte.
Wie kann man nur so doof sein, Anna?
Immer wieder hallte diese Frage durch meinen Kopf, lauter und lauter werdend bis ich in die dunkle Nacht schrie: “Ich weiß es doch auch nicht!!”…
Nur weil ich nie genug kriegen konnte, verlor ich am Ende alles.
Ich hatte einen netten Freund und nur weil mein Ego nicht damit klar kam, dass ich nicht die einzige Liebe in seinem Leben war, sondern ihm die Musik nun mal genauso viel bedeutete, hatte ich alles aufs Spiel gesetzt und mir die Aufmerksamkeit, die ich brauchte, bei jemand anderen geholt.
Bei einem Homosexuellen, der auf einem Selbstfindungstrip war!
Wenn ich mir das jetzt so vor Augen führte, konnte ich beinah lachen, lachen über mich selbst und über meine Naivität.
Ein unterdrücktes Kichern mischte sich mit meinen Tränen, als ich schließlich vor meiner Haustür stand.
Endlich oben angekommen schmiss ich mich abwechselnd geschüttelt von hysterischem Lachen und Heulkrämpfen aufs Bett, irgendwann schlief ich ein und fiel in einen unruhigen und wenig erholsamen Schlaf.

Am nächsten morgen erwachte ich in all meinen Klamotten mitten auf meinem Bett.
Ich drehte mich auf den Rücken und setzte mich langsam auf.
Irgendwie schaffte ich es, mich innerhalb der nächsten halben Stunde aus dem Bett zu schaffen und mich in Schlabber T-Shirt und Jogginghose in die Küche zu verfrachten.
Mir wurde schmerzlich bewusst, dass es nicht der erste Morgen in diesen Ferien war, an dem ich mit einem holen Gefühl im Magen an meinem Kaffee nippte und mich wie der letzte Dreck fühlte.
Wieder einmal war es das Telefon, das mich aus meinen Gedanken riss.
Als ich den Hörer abnahm, wusste ich nicht, ob ich mir mehr wünschte, dass es Arnim oder Patrick war.
Natürlich war es weder der eine noch der andere, es war Pia, die sich nach meinem Befinden erkundigen wollte, weil ich mich doch seit Tagen nicht mehr gemeldet hatte.
Ich rasselte in Kurzfassung meine Geschichte herunter und sie seufzte mitleidig an den Stellen, an denen man es von einer besten Freundin erwartete.
Als ich fertig war, machte sie nur ein langes “Hmmmmmmm…”
“Hmmmm?? Was genau meinst du damit?”
“Ach ich weiß nicht, mir war von Anfang an klar, das Arnim irgendwie doch der eine für dich sein muss… allerdings hast du ihn mehrere Wochen lang betrogen und im Moment ist er unerreichbar in Hamburg, was die ganze Sache relativ schwer macht…”
“Ja…”, gab ich zu, aber ich wusste auch, dass ich es nicht schaffen würde zu Arnim zu gehen, um mich bei ihm zu entschuldigen. Außerdem wusste ich, dass es eh mehr oder weniger sinnlos war, weil er schrecklich nachtragend sein konnte und manchmal unerträglich eifersüchtig war, dazu kam, dass es allgemein zwischen uns gekriselt hatte und ich nicht alle Schuld daran auf mich nehmen würde, niemals.
“Ach ich weiß auch nicht, was ich machen soll Pia, am besten warte ich, bis er wieder da ist…”, murmelte ich.
“Nein, das wirst du nicht tun, oder willst du, dass alles kaputt geht?”, drohte Pia eindringlich.
“Was soll denn noch mehr kaputt gehen?”
“Ohhh, du bist so stur und dumm, das sagst du doch nur, weil du Angst hast!!”
“Pia, das ist nicht wahr!”, schrie ich beinah zurück.
“Natürlich ist das wahr.”
Ich seufze.
“Ich muss Schluss machen, bis dann.”, sagte ich noch knappt, dann legte ich auf.



23. (Sonntagmittag)

“Arnim, was ist eigentlich los mit dir, kannst du dir nicht mal diese eine kleine verkackte Zeile merken?”, Thorsten knallte Arnim wütet ein Blatt Papier, mit dem Text vor die Nase, nachdem Arnim die Aufnahme zum vierten Mal abbrechen musste, weil er stecken geblieben war.
Arnim feuerte seinen Kopfhörer auf den Boden und ging ohne ein weiteres Wort an Thorsten vorbei, dann schob er sich neben Moses her und ging aus dem Studio, an die frische Luft.
Er zog eine zerknitterte Packung Zigaretten aus seiner Jackentasche und zündete sich eine an. Er atmete den Rauch tief in seine Lunge und blickte über den kahlen Parkplatz, dann ging er zu einer kleinen Mauer aus Ziegelsteinen und setzte sich darauf.
Als er die Hälfte seiner Zigarette auf geraucht hatte, hörte er Schritte hinter sich.
“Ey Alter? Was ist los?”
Thorsten stand hinter ihm und legte ihm einen Hand auf die Schulter.
“Ich kann mich im Moment einfach nicht konzentrieren…”, setzte Arnim an.
“Rück ma nen Stück.”
Er rutsche ein bisschen zur Seite und Thorsti setzte sich neben ihn.
“Und warum nicht?”, fragte der und legte einen Arm um Arnim.
Als dieser an Anna dachte und an den anderen Typen, mit dem sie vielleicht grade Sachen machte, die er sich lieber nicht bildlich vorstellen wollte, fühlte er sich schrecklich klein, verletzt und allein gelassen. Und allein zu sein, war eins der Gefühle, die Arnim am meisten hassten.
“Wegen Anna. Wir hatten unglaublich viel Stress zuhause, weil ich ständig so spät wieder gekommen bin, nie Zeit für sie hatte… aber sie wollte einfach nicht verstehe, dass ich nun mal nicht anders konnte.”
Thorsten nickte verständlich, diese Phasen hatte jeder von ihnen durch machen müssen.
“Irgendwann hat sie sich immer mehr von mir distanziert und ich bin immer wütender geworden, innerlich. Vielleicht hätte ich mir nur ein bisschen mehr Zeit nehmen müssen…. auf jeden Fall, an dem Abend bevor wir gefahren sind, klingelte ihr Handy und plötzlich war sie so anders. Sie bekam diesen zärtlichen Ausdruck in ihren Augen, bis zu dem Moment wo sie mich wieder ansah. Ich wusste sofort das ein anderer Mann am Telefon war.”
“Sie hat dich betrogen? Anna hat dich betrogen?”, fragte Thorsten ungläubig.
“Ja….”
Arnim versagte die Stimme.
“Und jetzt?”
“Jetzt, weiß ich auch nicht... Ich... ich vermisse sie so unglaublich und eigentlich will ich sie zurück, im Prinzip bin ich nicht mal sauer auf sie.”
“Aber?”
Arnim zuckte mit den Schultern.
“Du bist zu stolz! Kämpf doch mal um die Kleine, schließlich hat sie dich nicht sitzen gelassen während alles super lief, sondern weil sie alleine und verlassen zuhause saß… okay, ich sehe ein, dass das trotzdem kein richtiger Grund ist, aber du verstehst was ich meine, oder?”
Arnim dachte grade über eine Antwort nach, als sein Handy in seiner Tasche klingelte.
Er seufze und klappte es auf.
“Ja?”, sagte er sichtlich genervt.
“Hey… ich bin´s, Pia.”, sagte diese ein bisschen eingeschüchtert.
“Oh…”, machte Arnim. “Pia…”
“Ja. Also weißt du, ich rufe an, weil ich dir was sagen wollte, auch wenn ich weiß, dass es mich eigentlich gar nichts angeht, nur irgendwie fühl ich mich halt auch ein bisschen verantwortlich und…”, rasselte sie runter, bis Arnim sie unterbrach.
“Sag es einfach, okay?”.
Er hörte wie sie kurz tief einatmete und er fragte sich, ob sie Luft für einen neuen Redeschwall sammelte, dann begann sie zu erzählen, was sie zu sagen hatte.

24. (Samstagmittag)

Zur selben Zeit saß ich gerade in der Badewanne, als mein Telefon ebenfalls klingelte.
Ich ging nur mit einem knappen “Ja.” dran.
“Hey Anna.”, Patrick Stimme brachte mich innerlich zum Beben, ich schluckte und sagte dann so ruhig ich konnte: “Hallo Patrick.”
“Ich glaub, ich muss mich bei dir entschuldigen, aber ich würde dich gerne sehen und dir das alles in Ruhe erklären.”
Ich dachte einen Moment nach, aber eigentlich war es sowieso egal.
“Ja, gut, aber du kommst hier hin, ich will heute nicht mehr aus dem Haus.”
“Abgemacht, ich bin aber erst so gegen 9 Uhr da.”
Ich legte das Telefon wieder neben die Badewanne und ließ mich zurück in das warme schaumige Wasser sinken.
Ein klärendes Gespräch wollte er also…



“Pia, das ist doch schwachsinnig, wieso sollte ich extra nach Berlin fliegen nur um die beiden heute Nacht zu überraschen?”, Arnim begriff noch immer nicht, warum Pia es für so dringend nötig hielt, dass er noch heute Abend zu Anna düste um sie bei vielleicht unglaublichem Sex mit ihrem Lover zu erwischen.
Pia ihrerseits gingen langsam die Argumente aus, sie wusste eigentlich selbst nicht genau, wieso sie sich in diese Angelegenheit einmischte, zumal nicht die geringste Chance bestand, dass Patrick wirklich bei Anna wäre, wenn Arnim sich entschließen sollte, nach Berlin zu fliegen.
“Na gut, dann eben nicht, du hast recht vielleicht war es eine blöde Idee, es tut mir Leid, dass ich dich gestört hab.”
Wenn schon nicht anders, dann vielleicht mit dieser Methode, dachte sie und wartete ein paar Sekunden.
Arnim brummte etwas, dann verabschiedetet sie sich und hoffte, dass er nichts desto trotz zu Anna fliegen würde, die beiden konnten nicht noch warten, bis er von den Aufnahmen zurück kommen würde… Anna würde sich mit jedem Tag mehr und mehr einreden, dass es nicht ihre Schuld war und Arnim würde von Tag zu Tag sturer und nachtragender werden.

“Thorsti?”, Arnim hatte sein Handy wieder in die Tasche gesteckt und schaute seinen Freund fragend an, er hatte das Gespräch interessiert verfolgt.
“Ach geh schon, solange du morgen wieder da bist.”
Arnim nickte.
Im ersten Moment war ihm Pias Idee total albern und kindisch vorgekommen, aber je intensiver er sich mit dem Gedanken beschäftigte, dass Anna mit diesem Patrick bei sich zuhause auf dem Balkon saß, oder im Bett lag, um so stärker wurde dieser männliche Trieb in ihm geweckt sich in eine Prügelei um ‘sein Mädchen’ zu verwickeln.
Thorsti schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter und nahm ihn dann kurz in den Arm.
“Alter, tu was du nicht lassen kannst.”



25. (Sonntagabend)

Ich hatte keine große Lust, mich zu Recht zu machen, also trocknete ich mir die Haare und schlüpfte in eine zerlöcherte Jeans und mein Beatles Shirt.
Dann setzte ich mich mit einer Falsche Weißwein auf den Balkon und sah der Sonne beim Untergehen zu.
Als die Flasche zu Hälfte geleert war, klingelte es an der Tür, die Sonne stand tief, gerade so, dass mein Balkon vollkommen in goldgelbes Licht getaucht war.
Langsam stemmte ich hoch und ging zur Tür.
Patrick lächelte mich schüchterner als sonst an. Er trug ein hellblaues Shirt mit aufgedruckten Notenzeilen und eine olivefarbene Hose.
“Hi.”
Ich hielt ihm die Tür auf und ließ in herein.
“Willst du auch ein Glas Wein?”
Er nickte.
“Ja gern.”
Zusammen gingen wir auf den Balkon und Patrick ließ sich in einen der Korbstühle fallen, ich blieb ans Geländer gelehnt stehen.
“Und?”, ich schaute ihn erwartungsvoll an, ein wenig kribbelte es in meinem Bauch, als ich in seine Augen sah, die heute überdeutlich blau waren.
Er seufzte.
“Ich hatte wirklich Stress mit meinem Freund und manchmal habe ich mich gefragt, ob es das wirklich alles so sein kann, oder ob ich nicht vielleicht doch etwas für Frauen empfinde. Dann kam der Tag im Supermarkt und ich hab dich angeschaut und dachte: Wow…”
Ich nickte und schaute auf die Straße, ein Taxi raste an den parkenden Autos vorbei, als Patrick weiter redete, schaute ich ihn wieder an.



Arnim stieg aus dem Taxi und drückte dem Fahrer einen 20 Euroschein in die Hand, dann schleuderte er die Tür hinter sich zu.
Er stand auf dem Bürgersteig, der im Schatten der hohen Häuser liegenden Straße.
Als er seinen Kopf in den Nacken legte, sah er Annas Balkon.
Sie lehnte im goldenen Sonnenlicht an der Brüstung, mit dem Rücken zu ihm.
Die Sonnenstrahlen wurden in ihren Haaren reflektiert, ein warmes Gefühl machte sich in seinem Bauch breit und er schluckte.
Gerade als er sich fragte, wie er sie nur Abend für Abend in dieser Wohnung hatte allein lassen können, trat ein Mann zu Anna ans Geländer und stellte sein Weinglas auf der Brüstung ab, dann legte er den Arm um ihre Taille und zog sie an sich.
Eifersucht und Wut kochten in Arnim hoch und er wühlte entschlossen nach dem Schlüssel zu Annas Wohnung in seiner Hosentasche.


26. (Sonntagabend)

Ich drückte mich an Patricks Schultern und erlaubte es mir seinen Duft einzuatmen. Er hatte mir gesagt, dass er gemerkt hatte, dass er seinen Freund liebte, trotzdem mochte er mich.

Ich hatte jedoch beschlossen, dass es besser war, wenn wir von nun an getrennte Wege gehen würden, sonst würde die Sache mit Arnim bestimmt nie wieder ins Reine kommen
Verdutzt schaute ich durch die Fensterscheibe ins Wohnzimmer, als ich ein Geräusch und danach ein lautes Miauen von John Lennon hörte, doch wegen eines Busses, der durch die Straße fuhr, konnte ich nichts weiter hören und vergrub meinen Kopf wieder an Patricks Hals.
Er wiegte mich und ich spürte, dass es ihm wirklich Leid tat.
Dann hörte ich wieder etwas und hob meinen Kopf, mein Blick wanderte über ein kariertes Hemd, ein stoppeliges Kinn und blieb an Arnims verengten Augen hängen.
Mir stockte der Atem und ich wollte gerade ansetzten etwas zu sagen, als seine Stimme erschreckend laut los donnerte: “Lass meine Freundin los!!”
Patrick fuhr zusammen und drehte sich erschrocken um, er nahm einen Meter Sicherheitsabstand von mir und versuchte etwas zu sagen.
“Na, dass du so ein Feigling bist, hätte ich auch nicht gedacht.”, Arnim lachte und ich spürte eine Flut von Testosteron und Bier auf mich zufließen.
“Arnim.”, sagte ich beschwichtigend und schaute ihm in seine eiskalten Augen.
“Nichts, Arnim!”, schrie er, und ich spürte die Verzweiflung in seiner Stimme.
“Los, komm her, du Arschloch, schlag dich mit mir, mach es mir nicht so leicht, oder ist Anna dir so wenig wert, dass du gleich abhaust?”, brüllte er nun Patrick an.
“Nein, ist sie nicht, aber ich wollte eh gerade gehen, ich glaube nicht, dass ich noch was mit eurer Angelegenheit zu tun habe, das ganze sollte Anna dir erklären.”, er schaute zu mir herüber und ich nickte schwach.
Er hatte Recht.
“Schlappschwanz”, schleuderte Arnim ihm entgegen.
“Arnim, hörst du dir überhaupt selber zu? Das ist mehr als lächerlich, was du hier tust… lass uns bitte drüber reden.”
Arnim schnaubte.
Ich ging einen Schritt auf ihn zu und legte ihm meine Hand auf den Arm, er zitterte innerlich.
“Arnim, bitte, ich weiß, ich muss dir eine Menge sagen, und ich weiß auch, dass das hier jetzt wirklich scheiße für dich aussehen muss, aber es ist nicht so, wie es aussieht… es war einmal so, aber bitte lass Patrick erstmal gehen und dann reden wir. In Ruhe.”
Ich schaute ihn flehend an.
Doch ich hatte ihn überzeugt, er war wirklich nicht der Typ für Schlägereien und Pöbeleien.
Patrick nickte mir zu und schob sich an Arnim vorbei, ich schaute ihm hinterher und seufzte leise, dann drehte ich mich Arnim wieder zu.

 

 

27. (Sonntagabend)


Wir standen still neben einander bis die Tür im Flur zu schlug.
Ich schaute Arnim an doch er drehte sich weg und kramte nach einer Zigarette in seiner Hosentasche, dann setzte er sich auf den Korbstuhl, in dem eben noch Patrick gesessen hatte und schaute mich eben so erwartungsvoll an , wie ich es noch vor ein paar Minuten bei Patrick gemacht hatte.
Das Sonnenlicht fiel auf sein Gesicht und als ich ihn so ansah, bemerkte ich die tiefen Ringe unter seinen Augen.
Sein Bart war stoppelig und ungleichmäßig, seine Haare sahen viel zu lang und wild aus und mich überkam plötzlich eine Welle der Zärtlichkeit.
Ich unterdrückte den Reflex mich auf seinen Schoß zu setzten und schaute ihn einfach weiter dann, in meinem Kopf versuchte ich die Ereignisse der letzten Wochen zu sortieren.
Plötzlich räusperte er sich und etwas von der Spannung wich aus seinem Gesicht.
“Hast du was mit diesem Kerl gehabt?”
Seine Ausdrucksweise gefiel mir nicht, aber ich wusste, dass ich nur noch mehr Streit erzeugen würde, wenn ich jetzt eine patzige Antwort habt.
“Ja.”, gab ich zu. “Ich habe ihn auf einer Party kennen gelernt, nachdem du einfach nicht mehr wieder gekommen bist nach dem Proben. Ich hatte ihn ein paar Tage vorher schon mal im Supermarkt gesehen… An dem Abend zwischen Unmengen von Kirsch-Amaretto hat es mich erwischt und schließlich standen wir knutschend auf der Tanzfläche.”
Arnim brummte irgendetwas und schaute durch mich hindurch.
Ich schluckte und wartete auf eine Reaktion, doch es kam nichts.
“Als du… nach der Nacht… ich war so frustriert als du einfach weg warst und dann wollte ich ihn anrufen, plötzlich standest du wieder vor meiner Tür…grade dann als er zurückrief… Nachdem du dann zu Recht endgültig gegangen bist haben wir uns wieder gesehen und da ist es dann passiert und dann immer und immer wieder.”
Meine Stimme versagte, als ich sah wie Arnim, die Tränen unterdrückte, die in seinen Augen schimmerten.
Ich hatte auf Anschuldigungen und Beleidigungen gewartet, auf eine weitere Szene, aber nicht darauf.
Nicht auf einen völlig erschöpfen Arnim, der mit Tränen in den Augen auf meinem Balkon saß.
“Arnim?”, fragte ich sanft und ging einen Schritt auf ihn zu.
Er schüttelte den Kopf, dann stand er auf und zündete sich noch eine Zigarette an.
“Los, sag es mir schon, ich bin doch selbst Schuld daran? Ich hab dich allein gelassen…”, meinte er jetzt trocken.
Ich schluckte.
Ja, eigentlich wollte ich ihm genau das vorwerfen.
“Ich… ja… Ja, natürlich habe ich es deswegen gemacht, ich war frustriert, weil nichts mehr so lief wie es früher war… aber glaub bloß nicht, dass ich kein schlechtes Gewissen gehabt hätte.”
Er schaute überrascht zu mir herüber und ich wusste, dass ich nun eine kräftige Portion seines Sarkasmus zu spüren bekommen würde.
“Ach wirklich, dafür hattest du dann doch Zeit?”
Ich unterdrückte Widerworte und schaute auf die Stadt.
“Ja, hatte ich.”

Wir schwiegen für einen Moment.
“Mein Gott, es bringt doch alles nichts. Ich hab Scheiße gebaut und ich stehe dazu, und es tut mir Leid. Es tut mir wirklich Leid…”
Er nickte und suchte meinen Blick.
“Es tut mir auch Leid, dass ich dich so vernachlässigt habe, aber du musst doch auch verstehen, wie wichtig mir die Musik ist und, dass es nun mal zu meinem Job gehört.”
Ich nickte betreten, ja ich hatte es immer gewusst, ich hatte es schon gewusst, als ich auf seinem Balkon stand und zum ersten Mal seine Lippen auf meinen gespürt hatte, als kleine weiße Flöckchen vom Himmel gefallen waren, schon da hatte ich gewusst, dass die Musik immer an gleicher Stelle stand.
“Arnim?”
“Ja, Anna?”
“Verzeihst du mir?”
Er schaute mich an und plötzlich lag da diese Wärme in seinem Blick.
“Wäre ich sonst hier, Honey?”, flüsterte er und ging auf mich zu.
Seine Hände legten sich um meine Taille und er zog mich nah an sich heran, ich spürte seine Wärme und roch sein Deodorant.
Dann drückte ich mich in den warmen Stoff seines Hemdes.
“Danke… Danke, Danke, Danke.”, murmelte ich.
Seine Hand legte sich unter mein Kinn und zwang mich ihm in die Augen zu schauen.
Er beugte sich zu mir herunter und ich spürte die kratzigen Stoppeln an meinem Kinn und an meiner Wange, dann suchten sich seine Lippen einen Weg zu meinem Mund und er küsste mich.
Ich gab mich seinem Kuss hin und dachte glücklich daran, dass es doch irgendwie immer auf dem Balkon endete.

Epilog für Yasmine, weil ich weiß, dass sie voll und ganz besessen ist von meinen Sexszenen und niemals genug davon kriegen wird (es endet also doch nicht ganz auf dem Balkon&hellip

Arnims Lippen drückten sich zärtlich und ganz vorsichtig gegen Annas, er kostete jede Sekunde dieses Kusses aus und ließ ihn  unerträglich süß und quälend lang werden, seine Finger suchten sich seinen Weg über ihren Rücken und durch ihr Haar.
Dann löste er sich wieder von ihr und schaute ihr in die Augen, sie strahlten wie nach ihrem ersten Kuss und Anna drückte sich gegen ihn.
“Weißt du was?”, murmelte sie. “Patrick…Patrick ist schwul…”, ihre Stimme klang ein wenig erniedrigt.
Arnim schob sie ein Stückchen von sich weg und schaute sie an, dann lachte er los: “Du hast mich mit einem Schwulen betrogen?”.
Sie fing an zu kichern: “Ja habe ich.”
Er drückte sie an sich und hob sie dann hoch, immer wieder schüttelt er seinen Kopf.
Plötzlich bekam er den Anna nur zu bekannten Ausdruck in den Augen und drückte seinen Lippen an ihren Hals, dann schnurrte er mit heiserer Stimme: “Dann hast du es bestimmt mal wieder nötig, richtig hart…”, er hielt kurz inne und suchte nach einem passendem Wort, “…na ja, du weißt schon was zu werden, von einem richtigen Mann.”, und grinste sie dreckig an.
Dann packte er sie bei den Hüften und trug sie in die Wohnung, Anna begann zu quietschen und zu kreischen, sie strampelte mit den Füßen, aber ließ sich von dennoch von ihm ins Schlafzimmer tragen.
Er schmiss sie aufs Bett und sich gleich hinterher, dann streifte er grob ihr T-Shirt hoch und ließ seinen Mund auf ihren Bauch sinken. Seine Bartstoppeln kratzten auf ihrem Bauch und seine feuchten, fordernden Lippen hinterließen zärtliche Küsse.
Anna räkelte sich wohlig in den Kissen und war erfüllt von Leidenschaft und Glück.
Als Arnim ein Stückchen nach oben rutschte und sein Kinn auf ihrer Brust bettete,
verlor sie sich in seinen Augen und wurde sich bewusst, wie inbrünstig sie ihn liebte.
Sie ließ ihre Finger über seine Wange gleiten und malte seine Lippen nach, plötzlich drang ein tiefes Knurren aus seiner Kehle und er stützte sich auf seinen Ellenbogen, dann griff er nach ihrem rechten Handgelenk und platzierte es über ihrem Kopf, wo er es festhielt. Nur ein paar Sekunden später befand sich dort auch ihr anderes Handgelenk und Anna lag gefesselt unter ihm.
Sie schloss die Augen, als seine Lippen über ihr Schlüsselbein wanderten, ihren Hals entlang, er küsste sie und vergrub seinen Lippen wieder an ihrem Hals.
Ein leises Stöhnen entwich ihrem Mund und sie wünschte sich nichts sehnlicher als endlich sämtlichen Stoff zwischen ihnen zu entfernen.
“Quäl mich nicht so!”, wimmerte sie, doch Arnim lächelte nur dreckig, ließ aber ihre Handgelenke los und versuchte ihr das T-Shirt auszuziehen.
Gleichzeitig ließ Anna ihre Hände über seine Schultern fahren und machte sich an die Knöpfe seines Hemdes.
Sie kämpften weiter miteinander und mit ihren Klamotten bis sie sich schließlich von T-Shirts, Hemden und BHs befreit hatten.
Beiden wurde immer wärmer.
Irgendwann drückte Anna Arnim in die Kissen und kniete sich über ihn, sie küsste seine sonnengebräunte Haut und wanderte mit ihren Lippen immer tiefer. Ihre flinken Finger öffneten die Knöpfe seiner Jeans und sie zog den Bund seiner Boxershorts ein Stückchen tiefer und übersäte die Region mit kleinen Küssen und Liebkosungen mit ihrer Zunge.
“Anna…”, stöhnte er leise.
“Ja?” sie schaute hoch und suchte seinen Blick, doch seine vor Lust verhangenden Augen waren halb geschlossen und ein seliges Grinsen umspielte seine Lippen.
Sie zog seine Shorts noch ein wenig tiefer, bis sie sie ihm schließlich ganz auszog und sich intensiv mit seiner Erektion beschäftigte, bis er sie zitternd darum bat aufzuhören, weil er nicht wusste, wie lange er es noch aushalten würde.
Doch sie kicherte bloß und ließ ihre Lippen ein weiteres Mal auf ihn sinken. Arnim packe sie bei den Schultern und zog sie Zentimeter für Zentimeter nach oben, drehte sie auf den Rücken und legte sich auf sie.
“Du, Biest!”, flüsterte er ihr ins Ohr und biss ihr in den Hals.
Seine Hände legten sich um ihre Brüste und sein Daumen streichelte sanft über ihre  Brustwarzen, die sich immer härter gegen seine Hand drückten.
Dann senkte er seinen Kopf und stupste die Knospen frech mit der Zunge an, so das Anna immer schneller zu atmen begann.
Sein Mund wanderte immer weiter nach unten, sauge an ihrem Bauch und kostete schließlich von ihrer süßesten Stelle.
“Arnim.”, murmelte sie, “Arnim, bitte…bitte, ich will dich endlich.”
“Sag das noch mal.”, er schaute auf und blickte ihr in die Augen.
“Fick mich…”, flüsterte Anna wie eine Pornokönigin und Arnim lachte los.
“Hat dir das dein Lover beigebracht?”
Anna schmollte und schaute weg.
Er lachte wieder und rollte sich höher neben sie.
Dann fuhr er mit den Fingern über ihren Schenkel, die sie bereitwillig immer weiter öffnete.
“Ich sag ja, du hast es nötig…”, flüsterte er und legte sich auf sie.
Anna seufze laut und erleichtert auf, als er sie endlich von diesem quälenden Gefühl befreite und trotzdem noch quälend langsam in sie eindrang.
Sie bog ihren Rücken durch und drückte sich an ihn.
Er bewegte sich zärtlich und langsam, küsste Anna immer und immer wieder, doch irgendwann achtete er nicht mehr auf Zärtlichkeiten und wurde schneller, seine Stöße wurden intensiver und Anna klammerte sich an ihn.
Er drückte seine Zunge tief in ihren Hals, erkundete ihren Mund und sie krallte ihre Hände in seine Schultern.
Schließlich drückte er sich schwer auf sie und Anna jauchzte laut auf, als eine bunte Welle von Lichtblitzen sie ergriff und sie erst Sekunden lang fliegen ließ, bis sie völlig erschöpft in ihr Kissen zurück sank.
Schwer atmend schmiegte Arnim sich an sie, ihre schweißnasse Haut klebte aneinander und Anna war kaum in Stande zu reden.
“Ich liebe dich Anna.”, drang Arnims Stimme müde an ihr Ohr.
“Ich dich auch.” sagte sie und wusste, dass diese drei Worte nicht im Geringsten ausdrückten was sie gerade fühlte.



Epilog zwei.

Pia hatte nicht gewusst, das Patrick an diesem Abend bei Anna war, um mit ihr zu reden, und war recht erschrocken, als Anna ihr am nächsten Tag von den Ereignissen erzählte, die sich am Abend zuvor auf ihrem Balkon abgespielt hatten.
Trotzdem klopfte sie sich insgeheim auf die Schulter und war froh, dass sie ein kleines bisschen Gute Fee gespielt hatte, um die beiden wieder zusammen zubringen.

 

 

Dankeschön an:

Yasmine, die mich immer und immer wieder in den Arsch getreten hat

Meine Mama, die Korrektur gelesen hat, wobei ich mich  manchmal frage, wir ich ihr so was nur zu lesen geben konnte ;]]

Alle fleißigen Leser, die nach John Lennon nicht aufgegeben haben und sich auch einen zweiten Teil rein gezogen haben

 

Außerdem danke für jeden Kommentar

 

Entschuldigung an alle Personen, die sich hier irgendwie wieder finden, aber sehr es einfach als Kompliment, dass ihr mich so inspiriert habt

 

Danke an Skunks für die von ihnen geklauten Songtexte

Blog eima Traumwelt Früher Liebe Grüße