How could you do this to me

 

Sie stand an eine Wand gelehnt, die Arme vor ihrem Oberkörper verschränkt, ihr rechter Fuß wippte im Takt der Musik. Durch den dichten Nebel der Rauchmaschine fixierte sie seine Umrisse, die Bühne war in dunkelgrünes Licht getaucht. Immer wenn er von hinten angestrahlt wurde, konnte sie seine athletischen Beine sehen, es gab wirklich niemanden, der in Röhrenjeans so gut aussah wie er.

Sie kramte in ihrer kleinen Handtasche und zog schließlich eine Zigarette hervor, dann drehte sie sich suchend nach einem anderen Raucher um.

„Brauchst du Feuer?“, fragte eine tiefe Stimme sie plötzlich. Während sie den Raum mit ihren Augen abgesucht hatte, hatte sie nicht gesehen, wie sich jemand neben sie gestellt hatte. Dieser jemand hatte braune Locken, die wild um seinen Kopf fielen.

„Ja, bitte.“, sagte sie und steckte sich die Zigarette zwischen ihre kirschroten Lippen.

Er fixierte ihren Blick mit seinen dunklen Augen, als sie ihn dankbar anlächelte.

 „Und wie findest du die Band?“

Sie blickte ihren Freund an, der am Mikrofon stand.

“How could  you do this to me?”, sang die so vertraute Stimme. Er fuhr sich mit einer Hand durch seine dunkel blonden Haare, auch wenn sie es von hier aus nicht sehen konnte, wusste sie, dass seine Augen strahlend blau waren.

Sie schaute zurück zu der fremden Person neben sich.

„Geht so…“, verlegen zog sie an ihrer Zigarette. Die Musik stoppte, es wurde geklatscht, doch sie traute sich nicht hoch zu blickten, „und du?“.

„Ist nicht so mein Ding, aber die schlechte Musik wird ja mit anderen Dingen ausgeglichen.“, er grinste sie an und entblößte weiße, perfekte Zähne.

Sie lächelte still und lehnte sich so weit zurück, dass ihr Hinterkopf die Wand berührte. „Geht so…“, dachte sie, und schüttelte fast unmerklich den Kopf, wenn er das wusste. Sie hatte ihren Freund immer unterstützt, was die Musik anging, unzählbare Abende ertragen, an denen er bei den Proben war, sich jedes Konzert angeschaut, doch nie hatte sie auch nur einen Funken Dankbarkeit dafür zuspüren bekommen.

„Bist du alleine hier?“, ihr fremder Gesprächspartner hatte sich inzwischen auch eine Zigarette angezündet und lehnte  seitlich, zu ihr hingedreht, an der Wand.

„Er hat einen leichten Dreitagebart.“, dachte sie und schaute ihm fest in die Augen. Er zog die rechte Augenbraue hoch und wartete noch immer auf eine Antwort.

„Ich…ich…ja ich bin alleine hier…ähm…eigentlich wollte eine Freundin von mir kommen, aber sie …sie hatte dann ein Problem mit ihrem Auto…und…na ja.“, stotterte sie, und brach dann ab, als sie im Hintergrund war nahm, wie das nächste Lied angekündigt wurde. Ihr Lied.

„Aha.“, ein neckisches Grinsen.

„Man, die Luft hier drin ist aber auch schlecht….ich glaube ich muss mal kurz raus.“

Sie drückte sich von der Wand weg und hoffte inständig, dass sie sich hinter den Leuten her schleichen könnte, so dass man sie von der Bühne aus nicht sehen würde. Sie brauchte sich nicht um zu drehen, um zu merken, dass der Lockenmann ihr gefolgt war. Sie spürte ihn dicht hinter sich. Ohne einen Blick zu Bühne zu werfen, ging sie schnellen Schrittes durch die Tür der kleinen Konzerthalle, den engen Flur entlang und drückte die schwere Tür nach draußen auf. Die Nachtluft, die ihr nun entgegen strömte, war angenehm erfrischend.

Grade wollte sie anhalten, da griff eine warme Hand nach ihrer und zog sie bestimmt hinter sich her.

„Komm mal mit.“, er sprach leise, und jetzt in der Stille der Nacht, wo man die Musik nur noch gedämpft wahrnahm, bemerkte sie erfreut, den angenehmen Klang seiner Stimme.

Ihr Kopf sagte ihr, dass sie sich losreißen, oder wenigsten protestieren sollte, doch sie ließ sich ohne Widerstand von ihm führen. Er nahm sie mit über den Hof und durch ein kleines Tor, das in den Garten des Jugendzentrums führte. Der Kiesweg knirschte leise unter ihren Schritten. Der Garten war so, dass ein Profigärtner ihn als wild bezeichnet hätte, doch sie fand es hier wundervoll lauschig und fast ein bisschen märchenhaft. Jetzt gingen sie unter einem Eisentor durch, um das sich dunkelroter Wein und grünes Efeu rankten. Er blieb stehen, langsam schaute sie an ihm vorbei. Unter einem riesigen Kirschbaum stand eine alte, aber dennoch schöne Hollywoodschaukel.

„Die habe ich vor zwei Tage auf dem Sperrmüll gefunden, weißt du ich arbeite hier.“

„Wie hübsch…“, sagte sie entzückt.

„Ich weiß auch nicht, aber ich dachte du siehst so aus, als wenn dir so was gefallen würde…außerdem…außerdem hab ich dich schon den ganzen Nachmittag beobachtet, beim Soundcheck und so.“

Sie wurde rot: „Oh…“

Doch ihr Gegenüber grinste nur.

„Ich weiß, dass du die Freundin von dem Sänger bist, aber ich habe gedacht, mal sehen was sie so sagt, dann weißt du auch, ob es sich lohnen würde oder nicht…ich meine…du hast nicht sehr glücklich ausgesehen.“

Sie nickte bloß. Er hatte Recht. Zwar war sie wirklich gerne mit ihrem Freund zusammen, doch mit der Zeit war es zu bloßer Gewohnheit geworden. Als er jetzt wieder ihre Hand nahm und sie zu der Schaukel führte, hatte sie ein Kribbeln im Bauch und ihr Körper vibrierte leicht. Sie lehnte sich zurück und schaute hoch zum silbernen Mond und den Sternen. Ein vertrautes Gefühl machte sich in ihr breit, es floss durch ihren ganzen Körper und sie lehnte sich an die ihr eigentlich noch neue, und doch so vertraute Schulter.

„Schön, dass ich ihn endlich wieder habe…“, sagte eine leise Stimme in ihrem Kopf und sie schaute verträumt in den bläulich schimmernden Himmel.

Blog eima Traumwelt Früher Liebe Grüße