Mond Sucht

Sie lebte ein ruhiges Leben. Ruhiger, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Das Einfamilienhaus stand still und unbeleuchtet zwischen all den anderen Häusern. Der Wind wehte die Geräusche der Autos herüber, sie glichen den eintönigen Atemzügen der Stadt.
Hätte ihr jemand vor zehn Jahren prophezeit, wie ihre Zukunft aussehen würde, sie hätte ihn ausgelacht. Doch jetzt war sie 29 Jahre alt, hatte den perfekten Mann, im perfekten Haus, mit zwei fast perfekten Zwillingen, einem unweltfreundlichem Auto und einem kleinen, unperfektem Garten.
Es war Ende September, ein Samstagabend und ihr Gesicht wurde vom silbernen Licht des Mondes angestrahlt. Ihr Atem stieg in kleinen Dunstwolken zum Himmel, während sie an der Bushaltestelle stand und wartete. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten in ihrer perfekten Welt, hatte ein über zehn Jahre altes T-Shirt aus dem Schrank gekramt, sündige Schuhe an und einen Liter Eistee bei sich, der mit genügend Wodka verdünnt war.
Der Bus kam, sie stieg ein und suchte einen Platz weit hinten. Hunderttausend Bilder, Erinnerungen von längst vergessenden Abenden kamen ihr den Kopf. Die bunte Welt der immer näher rückenden Innenstadt flog an ihr vorbei und die Flasche leerte sich langsam aber sicher.

Die Straße unter ihr war uneben gepflastert. Sie hatte kein richtiges Ziel für den angetrunkenen Abend, nur eine leise Idee spukte in ihrem Kopf umher. Doch noch traute sie sich nicht, den alt bekannten Weg einzuschlagen, auf dem sie jeden Straßenecke, jeden Stein und jeden Busch auswendig kannte. Der Gedanke völlig allein wieder in der Disko ihrer Jugend zu stehen, machte ihr Angst.
Plötzlich blieb ihr Absatz in einer Fuge zwischen den Pflastersteinen stecken, sie strauchelte, wankte. Eine Hand griff nach ihrem Ellenbogen, zog sie ruckartig zurück und sie fand sich in den Armen eines Mannes wieder.
„Hoppla!“
„Entschuldigen sie…“, stammelte sie, und versuchte ihr Gleichgewicht wieder zu finden, die Hände ließen sie los, und sie schaute kurz an sich runter, ob noch alles dran war. Dann suchte sie den Boden nach ihrer Eisteeflasche ab, um ihrem Gegenüber nicht in die Augen sehen zu müssen.
„Noch ganz die Alte.“, ein grollendes Kichern unterbrach ihre Suche: „Immer noch Wodka Eistee, immer noch das selbe T-Shirt. Wenn du so weiter machst, gebe ich dir noch fünf Jahre, dann ist Ende.“
Sie hob ihren Blick, eine Reihe, durchs Lachen entblößter Zähne, ein Lächeln, das ihr den Atem nahm. Sie fühlte die Röte, die ihr ins Gesicht stieg, die Panik, ein Gefühl zum weglaufen.
„Ich, ich...du hast…Hi…“, stotterte sie und schaute entsetzt in das ein blaues Augenpaar, dieser Moment war jenseits von Gut und Böse.
Und alles stimmte.
Er sah genauso aus, wie sie es sich früher immer vorgestellt hatte. Etwas Bart, die dunkelblonden Haare waren etwas kürzer, sein Gesicht etwas älter und noch ein bisschen schöner. Ein spitzbübiges Funkeln umspielte seine Augen. In diesem Moment nahm sie nur zwei weitere Sachen war:
Es war Vollmond und eine Melodie, die sie fast vergessen hätte, schaltete sich in ihrem Kopf auf Dauerschleife.

Nachdem der erste Schock überwunden war, streckte sie ihre Hand nach der Eisteeflasche aus: „Ja, und? Interessiert doch eh niemanden.“
Er gab ihr die Flasche.
„Stimmt.“
Das war hart, ein Schmerz, zehn verdammte Jahre lang begraben, durchbrach seinen Sarg und wühlte sich bis zu ihrem Herz.
„Also, wenn ich bitten darf?“, vorsichtig wollte sie sich an ihm vorbeischieben, da er mit seiner Präsenz den kompletten Bürgersteig versperrte.
„Jetzt warte doch mal, Ida.“, seine Hand griff nach ihrem Unterarm. „Hast du nicht Lust auf einen Cocktail oder Tanzen? Ich meine, heute ist Samstag, so viel hat sich auch in zehn Jahren nicht geändert und im Saltatio ist Samstagabend immer noch Tanztee.“


Konnte man innerhalb eines Abend extremer mit seiner Vergangenheit konfrontiert werden? Ihr schwirrte der Kopf, ihr Mund schmeckte nach Wodka, Bier und vegetarischer Pizza. Ihre Haare klebten ihr im Gesicht und sie hatte mehr Zigaretten geraucht, als ihr Hals vertragen konnte. Außerdem hatte sie nicht nur Jan, sondern noch zwei, drei andere Leute getroffen, die sowohl wundervolle als auch böse Erinnerungen in ihr weckten.
„Jan?“
„Hmm?!“, er stand neben ihr an die Außenwand des Saltatios gelehnt und zog an der letzten Zigarette.
„Wie spät ist es?“, sie griff nach dem Stummel, den er ihr reichte und inhalierte die letzten Reste, dann warf sie die Zigarette zu Boden und trat sie aus.
„Ähm…Kurz vor fünf.“
„Ach Shit.“
„Jaah...der Nachtbus ist wohl weg…“, murmelte er und drehte seinen Kopf, so dass er sie anschauen konnte. „Eigentlich hast du dich gar nicht so viel verändert.“
Sie schwieg und dachte nach.
Hatte sie sich nicht verändert?
„Was machst du inzwischen?“
„Ich bin Kunstlehrer. Ja lach ruhig…und du?“
Sie nestelte in ihrem Ausschnitt und zog die kleine silberne Kette heraus, an der ihr Ehering hing. Seine Augen weiteten sich.
„Waaaaaas?“
Sie nickte bloß, noch immer dachte sie darüber nach, in wie weit sie sich in den letzten Jahren verändert hatte.
„Und wer ist der Glückliche?“
Ein kleiner Schauer der Freude über diesen Ausdruck lief ihren Rücken herab.
„Kennst du nicht, kommt nicht von hier…Weißt du, ich glaube ich habe mich wirklich nicht verändert, sondern mir in den letzten Jahren nur eingeredet, ich hätte es. Aber jetzt fühle ich mich wieder genauso wie vor zehn Jahren, als ich genau hier stand und jemand mir plötzlich sagte, du wärest weg. Auf und davon um die Welt zu sehen…“
Er lächelte sie etwas verträumt an. Dann griff er schüchtern nach ihrer Hand.
„Und jetzt?“
„Was und jetzt?“
„Jetzt bin ich doch wieder da, und wir stehen hier wie eh und je. Wie heißt es noch gleich in dem Lied: Erinnern, atmen und die Fragen: Wie lang ist es - ist es eigentlich her.“
„Berühren im Vorbeigehen und du stellst dich ein bisschen sehr nah zu mir und im Fahrstuhl: Der Zeitsprung und dann der Alarmknopf“, beendete sie das Zitat und verkreuzte ihre Finger mit seinen.
Ihr Blick fiel auf den Vollmond, der tief am Himmel stand.
„Mir fallen da noch so einige Lieder, Momente und Sätze ein.“, meinte sie und schaute in ihr Lieblingsaugenpaar.
„Ich finde, wir sollten uns mal wieder öfter sehen, es gibt da ja unendlich viel zu erzählen und rekonstruieren.“, er lachte.
„Nein…nein wir sollten lieber eine neue Geschichte schreiben.“, entgegnete sie und dann tat sie das, worauf sie seit über zehn Jahren Lust hatte.
Sie küsste ihn.
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