Warmer Honig im Schneegestöber

Sie drängelte sich durch den dichten Disconebel und hielt ihre Jacke fest vor die Brust gepresst, aus Angst, sie würde sonst die Splitter ihres, zum Bersten mit Sehnsucht erfüllten Herzens verlieren. Schnell und mit gesenktem Kopf schritt sie an den Türstehern vorbei, die ihr die schwere Eisentür aufhielten. Draußen atmete sie tief ein und die beißende, kalte aber klare Luft erfüllte ihre Lunge. Sie schlüpfte in ihre Jacke, kuschelte sich in ihren Schal und setzte die wollige Mütze auf. Es hatte angefangen zu schneien und eine dicke, weiße Schicht bedeckte den Boden.
Die Nacht über Moskau war laut und betrunken, noch bis hinaus auf die Straße könnte sie den dröhnenden Beat von innerhalb des Clubs hören. Nun aber legte sie jede Hektik ab und trat ganz langsam in den frischen Schnee, konzentrierte sich einen Moment nur auf die leisen, knackenden Geräusche, die er unter ihren Schuhen machte. So ging sie ein paar hundert Meter, bis sie eine schummrig beleuchtete Brücke erreicht hatte, die über die Moskwa führte. Ablenkt durch ihre Spuren im Schnee, hatte sie für einen Moment die Gedanken in ihrem Kopf vergessen und lehnte sich mit den Ellenbogen auf das Brückengeländer. Dann seufzte sie laut. Als ihr Blick auf die langsam festfrierende Wasseroberfläche fiel, die das verschwommene Bild der Stadt widerspiegelte, fühlte sie eine heiße Träne auf ihrer Wange.
„Hey Honey, hör auf zu weinen, du weißt doch, dass steht dir nicht.“

Erschrocken drehte sie sich zur der Seite, von der die Stimme gekommen war.
Ein Bekannter, kein Freund, nur jemand den sie vom Sehen kannte, stand dicht neben ihr. Er hatte ein schönes Gesicht mit weichen Zügen.
Sie schluckte.
Er hob seine Hand, und zog sich den schwarzen Wollhandschuh aus, dann berührten seine warmen Finger sacht ihre kalte Haut und wischten über die einzelne Träne.
„Was soll das?“, fragte sie patzig.
„Habe ich doch grade gesagt, ich sehe nun mal nicht gerne, wenn Mädchen weinen, und das auch noch mitten in einer eiskalten Nacht, alleine im Dunkeln…“
Sie drehte sich wieder weg, fixierte kleine Wellen im Wasser und wünschte sich an einen fernen und einsamen Ort. Sie hatte keine Lust auf dieses gespielte Interesse. „Dann geh und such dir ein anderes Mädchen, ich glaube nicht, dass ich in ganz Moskau die einzige bin, die grade eine Träne vergießt.“
Er sagte nichts, blieb aber neben ihr stehen, seine Handschuhe schob er in die Tasche seines Parkers. Er seufzte leise, als er ihrem Blick folgte.
„Stimmt…aber jetzt bin ich nun mal hier. Und ich kenne dich zwar gar nicht, aber ich sehe, dass du traurig bist, dass du sehnsüchtig bist.“
Er merkte, dass er Recht hatte, als sie sich langsam in sich selbst zusammen zog und noch ein Stückchen kleiner wurde.
„Ich…ich bin in diesem Moment nur da um dich für einen Augenblick zu trösten…“
„Weißt du, dass ist eine wirklich schlechte Anmache.“
„Baby, dass ist doch keine Anmache, ich will nichts von dir, und du nichts von mir. Wie gesagt, ich kann nur einfach kein Mädchen traurig sehen, dann fühle ich mich immer so, als müsste ich sie für einen kurzen Augenblick beschützen, vor der Welt und vor ihren eigenen Gedanken, ihnen neue Kraft geben.“
Jetzt drehte sie sich wieder zu ihm und schaute ihn skeptisch an, doch er lächelte nur und seine bernsteinfarbenen Augen strahlten sie an. Bevor sie noch etwas erwidern konnte, griff er nach ihren kalten Händen und drückte sie schützen zwischen seine großen und warmen. Ein Schauer lief über ihren Rücken, kroch sie Wirbelsäule entlang. Sein Lächeln blieb unverändert. Warm und freundlich. Und sie konnte sich mit einem Mal gar nicht satt sehen an seinen wunderschönen Augen. Sie fühlte einen kalten Luftzug an ihren Händen, als er sie wieder los ließ. Er spielte mit einer ihrer dunkelblonden Haarstränen und drückte dann seine warme Handfläche an ihre unterkühlte Wange. Schließ nahm er ihr Gesicht in beide Hände und beugte sich zu ihr runter. Trotz des Schneegestöbers fühlte sie, dass sie langsam zu schmelzen begann. Ihr Herz pumpte kein Blut, sondern etwas, dass sich wie warmer Honig anfühlte und wahrscheinlich die gleiche Farbe wie seine Augen hatte, durch ihren Köper. Sie fühlte auch, wie ihre Wangen unter seinen Händen langsam eine rötliche Färbung annahmen. Dann berührten seine weichen Lippen zärtlich die ihren. Sie kitzelten sie, wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling und sie war sich sicher, dass der Honig in ihren Adern mit einem ordentlichen Schuss Wodka bereichert worden war, und brennend durch ihren ganzen Körper jagte. Er knabberte an ihrer Unterlippe und sie vergrub ihre Hände in seinem dunkelbraunen Haar. Erst als ihr so heiß war, dass sie meinte, der Schnee zu ihren Füßen müsste jeden Moment zu tauen beginnen, löste er seine Lippen langsam von ihren, hauchte einen Kuss auf ihre Stirn und drückte sie dann behutsam an seinen Oberkörper.
Sie atmete tief ein. Er roch nach frischem Schnee, Zedernholz und Honig.
Eingehüllt, wie in einer goldenen Blase und in einer tiefen Umarmung, die ihr das Gefühl von Geborgenheit und einer gewissen Leichtigkeit gab, standen sie noch ein paar Minuten stumm auf der Brücke.
„Verstehst du jetzt was ich meine?“, fragte er im Flüsterton.
Sie verstand und nickte.
Ganz langsam löste er sich von ihr, doch überraschender Weise, war sie noch immer von einem wärmenden Gefühl umgeben.
„Immer wenn du an mich denkst, werde ich der Mann sein, der dich im Schneegestöber über der Moskwa geküsst hat. Du solltest das nie vergessen Honey…“
„Nein, ganz bestimmt nicht.“, hauchte sie.
Dann drehte er sich um und ging, langsam und in die andere Richtung, durch den frischen, noch unberührten Schnee.
„Wie heißt du eigentlich?“; rief sie ihm hinterher, als er schon das Ende der Brücke erreicht hatte.
Chamuel…hörte sie seine Stimme klar und deutlich, ohne, dass er sich umgedreht hatte.

 

 

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