Dreieckige Rühreier

Part II

 

„Komm, wir gehen jetzt Frauen aufreißen!“, lallte Crispin ihm ins Ohr. Er lachte bloß und nickte seinem Freund zuversichtlich zu. Als dieser ein paar Schritte vorgegangen war, seufzte er leise in sich hinein.
Wie lange würde er es noch geheim halten können? Jetzt, wo sein bester Freund wieder Single war, redete er umso mehr von heißen Frauenfängen. Jasper schaute Crispin hinterher und drückte sich dann zögerlich durch die Menschenmenge. Niemand seiner Freunde vermutete, dass er schwul war. Er war vorlaut, Porno süchtig und hatte einen perversen Humor, außerdem suchte er sich in für ihn vertretbaren Abständen hier und da eine Mädchen, für eine Knutscherei, niemand schöpfte Verdacht. Crispin und Ruwen, seine besten Freunde, waren durch und durch hetero und bis auf einen Kuss zwischen ihm und Ruwen, der auf jede Menge Alkohol zurück zuführen war, war nie etwas Ähnliches vorgefallen. Tatsache war aber, dass er beide äußerst attraktiv fand.

Wo bleibt eigentlich Ruwen?“, fragte er Crispin, als er diesen wieder eingeholt hatte.
Kein Plan…“
„Der wollte doch kommen, oder?“, harkte er nach. „Ich habe nämlich seit dem letzten Samstag, wo ihr ja beide nen ganz schönen Absturz hattet, nichts mehr von ihm gehört.“
„Hmmm…“, machte Crispin.
„Was Hmmm?“ „Mein Gott Jasper, ich weiß es doch auch nicht.“, zickte Crispin und stürzte sich dann auf die Tanzfläche.
Jasper verdrehte die Augen und strich sich seine Haare aus dem Gesicht, dann folgte er Crispin in die bebende Menge, die sich schreiend und schwitzend zu aggressivem Post-Punk bewegte. Es schien, als hätte er bei Crispin einen wunden Punkt getroffen. Vielleicht hatten die beiden sich ja gestritten?
Nach ein paar Minuten intensiven Tanzens meinte Jasper: „Crispin?  Ich geh mir mal ein Bier holen!“, und schob sich von der Tanzfläche.
Als er auf die Theke zuging entdeckte er plötzlich einen großen, schlanken Typen, der verunsichert Richtung Tanzfläche blickte. Ruwens Haare waren wirr verstrubbelt und er lehnte an einer Wand. Jasper beschloss erst zur Theke zu gehen und holte gleich zwei Flaschen Bier.
„Ey Alter, was ist los?“
Ruwen zuckte erschrocken zusammen, als wenn Jasper ihn bei irgendetwas erwischt hätte.
„Hey.“, er hob die Hand und Jasper clappte ein.
„Hier, hab dir was mitgebracht.“, er drückte Ruwen eine der kühlen Flaschen in die Hand. „Und jetzt komm mir bloß nicht damit, dass du seit letztes Wochenende keinen Alkohol mehr trinkst.“, meinte er und grinste herausfordernd zu Ruwen rüber.
„Als ob.“, Ruwen stieß kurz an Jaspers Flasche und nahm dann einen kräftigen Schluck.
"Ist Crispin da?“
„Ja…“, meinte Jasper gedehnt. Er drehte sich zur Tanzfläche um, und wie er es sich gedachte hatte, konnte er, obwohl er kleiner war als Ruwen, von hier die ganze Disko überblicken und sah Crispin mitten auf der Tanzfläche stehen. Dieser wirkte beim Tanzen immer etwas unbeholfen.
Jasper drehte sich wieder zurück zu Ruwen. Der knibbelte am Etikett der Bierflasche und verteilte die Schnipsel vor seinen Füßen.
Irgendetwas schien ihn zu bedrücken.
„Wollen wir nicht auch?“, fragte er und deutet mit dem Kopf in Richtung Tanzfläche. „Crispin ist heute richtig scharf auf aufreißen, da geht bestimmt noch so einiges, also los.“, versuchte er Ruwen aus der Reserve zulocken auch wenn er sich irgendwie scheiße vorkam, wenn er solche Sachen sagte.
Da er sich schon umgedreht hatte, konnte er Ruwens Blick nicht mehr sehen, der sich verdunkelte und zu Boden richtete.

„Boooar danke, dass du mir keins mitgebracht hast, Arschloch.“, motzte Crispin und zeigte auf die Bierflasche, „Liebst du mich etwas nicht mehr Süßer?“, fragte er dann und sah ihm tief in die Augen.
Jasper wand sich ab und seufzte. Seit über zwei Jahren kämpfte er sich durch diese Möchtegern-Schwulitäten, bei denen er schon oft Gedanken ausgesprochen hatte, die der reinen Wahrheit entsprachen, ohne, dass jemand es bemerkt hatte.
„Ach Honey, sei doch nicht so, du darfst auch mal an meiner Flasche saugen.“, säuselte er, hin und her gerissen zwischen einem dreckigem Lachen über seinen schlechten Witz und dem Verlangen sich auf der Stelle umzudrehen und zu gehen.
Ruwen hatte noch immer nichts gesagt.
„Alles klar?“, fragte Crispin, als er in Ruwens Richtung schaute.
„Natürlich.“, Ruwen grinste bloß, sah dabei aber nicht sehr überzeugend aus.
Trotzdem verlief der Abend wie jeder andere. Der Alkoholspegel steig und das Niveau sank.

Jasper fiel es heute besonders schwer sich zusammen zu reißen. Crispin war schon wieder voll und machte sich schamlos und nur zum Spaß an ihn ran. Ruwen schwankte zwischen unglaublicher schlechter Laune und kurzen aber heftigen Momenten, in denen er wild tanzend versuchte Crispin Konkurrenz zu machen. Was sollte das bloß?
Als alle drei nach einer weiteren Runde Jägermeister am Rand der Tanzfläche standen, kam ein braunhaariges Mädchen auf sie zu. Sie sah hübsch aus, aber war höchstens 15 Jahre alt.
„Ähm…Darf ich euch wohl mal kurz was fragen?“, schrie sie gegen die Musik an, nachdem sie Jasper auf die Schulter getippt hatte, um die Aufmerksamkeit der drei zu bekommen.
„Klar Kleines.“, lallte Crispin.
„Also…ich habe euch beobachtet, also ich und meine Freundinnen. Und seiht ihr echt schwul, weil ich meine…“, doch sie wurde von Crispin unterbrochen.
„Wir beide?“, er zeigte auf Jasper und sich.
Sie nickte kurz und setzte dann wieder an: „Weil…“
„Klar sind wir das!“, sagte Crispin und der Widerspruch von Jasper ging im Lärm der Musik unter.
„Schau.“, meinte Crispin.
Dann beugte er sich zu Jasper und rückte seinen Lippen auf die des kleinen Blonden. Das war zu viel für Jasper. Crispins Zunge drang in ihn ein und er schmeckte das Bier und den Jägermeister. Grader als er es genießen wollte, war es schon wieder vorbei.
Das Mädchen guckte die beiden entgeistert an, bis plötzlich Ruwens Stimme den Moment zerriss.
„IHR KÖNNT MICH ALLE MAL!“
Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und funkelte die anderen böse an, dann drehte er sich um und drängelte sich an den Leuten die hinter ihm standen vorbei. Schnell hatte Jaspers Blick ihn verloren.
Dieser drehte sich zu Crispin um, der geschockt hinter Ruwen herguckte. Jasper konnte es zwar nicht hören, aber Crispins Lippen formten eindeutig das Wort: „Scheiße!“
Verwirrt blickte er den größeren an.
„Crispin? Was geht hier ab, Alter?“
Doch der hörte ihm nicht mehr zu, und stapfte wankend los, in die Richtung in die Ruwen verschwunden war.
„Crispin??“, schrie Jasper noch einmal, dann murmelte er: „Und mich könnt ich auch alle mal…“, und ging zum Klo.
Was um alle in der Welt war letzten Samstag geschehen?
Er hatte nicht mehr viel davon mitbekommen, weil er betrunken genug gewesen war, um sich seine Tarnung mit einem fremden Mädchen aufrecht zu erhalten.

Als er vom Klo kam, sah er wie Ruwen nach draußen ging. Mit etwas Abstand folgte er ihm.
Draußen an einem Baum lehnte Crispin und schaute abwechselnd zum Himmel und zum Eingang. Als er Ruwen sah, winkte er ihn zu sich. Dieser ging langsam und mit gesenktem Blick auf Crispin zu.
Jasper beobachtete die Szene aus ein paar Meter Entfernung. Er konnte nichts hören, aber sah, wie Crispin lange auf Ruwen einredete, bis dieser seinen Blick hoffnungsvoll hob. Crispin griff nach Ruwens Hand und schaute im in die Augen. Jasper musste gar nicht länger hinschauen, er wusste auch so, was als nächstes passieren würde. Der Ausdruck in Ruwens Gesicht sagte alles. Er beugte sich zu Crispin und gab ihm einen kurzen und schnellen Kuss auf die Lippen, dann flüsterte Crispin ihm etwas ins Ohr. Beide drehten sich um und schauten in Jaspers Richtung.
Er konnte nicht mehr reagieren, denn er kochte vor Wut. Seit über zwei Jahren unterdrückte er seine Gefühle für Crispin, hatte nie ein Sterbenswort gesagt, nicht weil er seinen Freunden nicht vertraute, sondern weil er ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzten wollte – und jetzt das. Klammheimlich hatten die beiden etwas miteinander angefangen.
Crispin und Ruwen standen inzwischen bei ihm.
„Ihr Arschlöcher.“, zischte er wütend und mit Tränen in den Augen.
„Findest du das wirklich so schlimm?“, flüsterte Ruwen enttäuscht.
„Schlimm? Ach nein, ich freu mich für euch, dass ihr in nur einer Nacht zu einander gefunden habt aber seit Jahren blind durch die Welt rennt!“, schrie er sie an.
„Hä?“, machte Crispin und guckte verständnislos.
„Ich bin hier der Schwule, der Homo, Jasper der kleine Schwanzlutscher, die Schwulette und ihr macht einfach so hinter meinem Rücken mit einander rum…“, erschöpft verstummte seine Stimme.
„Aber…aber das wussten wir doch nicht, du hast doch letzte…“
„Du hast doch?? Du hast über ein Jahr eine Freundin gehabt, also halts Maul und sag mir nicht, was ich letzte Woche getan habe…ich wollte doch nur nie unsere Freundschaft gefährden.“
Es herrschte betretendes Schweigen und man hörte bloß Jasper schnelle Atemzüge.
„Ich bin so was von scharf auf dich und ertrage seit Jahren deinen Anmachen, von denen ich nicht eine ernst genommen habe und jetzt…“, setzte er noch ein mal an, doch es war zu spät, er könnte die Tränen nicht mehr zurück halten und sie rollten über Jaspers glühende Wangen, er wischte sie mit dem Handrücken weg.
„Fickt euch!“, fast hätte er über die Ironie dieses Satzes gelacht. Dann drehte er sich von ihnen weg und rannte fast die Straße entlang.
Ruwen und Crispin standen stumm nebeneinander.
„Lass ihn, ich glaube er muss erstmal alleine sein“, flüsterte Ruwen und hielt Crispins Hand fest, der einen Schritt nach vorne macht, um Jasper zu folgen. Dann seufzte er ebenfalls und meinte: „Ja, vielleicht hast du Recht…“

 

 

 

Blog eima Traumwelt Früher Liebe Grüße